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    Die Burg über dem Dorf

    Die Rietburg

    Achthundert Jahre über Rhodt: eine Burg, die einer Königin zum Verhängnis wurde, dann zerfiel und heute den weitesten Blick der Südlichen Weinstraße hat.Band I · Autor: Roland A. L. Gerlinger

    1149 – 1204

    Eine Burg für ein Geschlecht, das noch keines war

    Rhodt trägt den Namen des Berges, der über ihm liegt. Der Ort heißt „unter Rietburg“, seit es die Burg gibt – und das sind gut achthundert Jahre.

    Die Herren von Riet tauchen 1149 zum ersten Mal auf, in einer Urkunde des südpfälzischen Klosters Eußerthal. Woher sie kamen, ist nicht ganz sicher; die Forschung vermutet die Gegend um Otterberg, und Besitz hatten sie auch zwischen Speyer und Germersheim. Sie waren also keine Familie, die seit jeher auf diesem Berg saß, sondern eine, die hierher kam. Der Name ist denselben Weg gegangen: Erst hieß die Familie so, dann die Burg, dann das Dorf darunter.

    Ihr Stand lässt sich in einem Wort sagen und braucht doch eine Erklärung: Sie waren Lehnsleute. Anfangs, so die Überlieferung, standen sie im Dienst der Benediktinerabtei Weißenburg im Nordelsass – einer der großen Reichsabteien, deren Grundbesitz sich über beide Seiten der Haardt zog und die weit mehr Land hatte, als ihre Mönche je selbst bewirtschaften konnten. Solches Land musste jemand halten, verwalten und im Notfall verteidigen, und dafür gab man es zu Lehen aus. Die Herren von Rietburg wiederum waren Lehnsleute des Bischofs von Speyer. Sie saßen also auf einem Berg, der ihnen den Namen gab, aber nicht gehörte.

    Zwischen 1200 und 1204 baute Konrad II. – der erste urkundlich fassbare Burgherr – die Anlage, die den Namen der Familie trägt. Der Platz, den er wählte, sagt viel über seine Absicht. Die Rietburg liegt auf knapp 531 Metern an der Nordostflanke des Blättersbergs, der zur Haardt gehört, dem Ostrand des Pfälzerwaldes; nur eine Burg der Pfalz liegt höher. Von hier oben sieht man an klaren Tagen bis zum Schwarzwald, und man sieht vor allem eines: jeden, der sich nähert. Es ist derselbe Steilrand, an dem siebenhundert Jahre später die Weinstraße entlanggeführt wurde – die Lage, die eine Burg brauchbar macht, macht auch eine Aussicht.

    Gebaut wurde in der Zeit der Staufer, und solche Höhenburgen entstanden damals nicht in erster Linie, um bequem darin zu wohnen. Sie waren ein Anspruch in Stein: Wer eine besaß, war jemand. Das galt besonders für die Schicht, aus der die Herren von Riet stammten – die Ministerialen. Ursprünglich waren das unfreie Dienstleute des Königs oder einer Kirche, doch weil sie Ämter führten, Burgen hielten und in den Krieg zogen, wuchsen sie im Lauf des 12. Jahrhunderts in den Ritterstand hinein. Es war der einzige Aufstiegsweg, den das Mittelalter kannte, und die Rietburg ist sein Denkmal: das Haus einer Familie, die noch dabei war, eines zu werden.

    Der Blick von der Burg über die Oberrheinebene – der Grund, aus dem hier gebaut wurde.
    Der Blick von der Burg über die Oberrheinebene – der Grund, aus dem hier gebaut wurde.Foto: Llez, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
    Der Blättersberg über den Weinbergen: oben links die Rietburg, rechts die Villa Ludwigshöhe. Dazwischen liegt Rhodt.
    Der Blättersberg über den Weinbergen: oben links die Rietburg, rechts die Villa Ludwigshöhe. Dazwischen liegt Rhodt.Foto: BlueBreezeWiki, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

    Die Anlage

    Fünfzehn Meter Mauer gegen den Berg

    Eine Höhenburg hat eine Schwachstelle: die Seite, an der der Berg weitergeht. Genau dort wurde am meisten gebaut.

    Wer eine Burg auf einen Bergrücken setzt, hat nach drei Seiten den Hang als Verbündeten und nach der vierten ein Problem. Dort läuft der Rücken weiter, und dort kann ein Angreifer alles heranschaffen, was er zum Angriff braucht. Die Antwort darauf heißt Abschnittsburg: Man schneidet den Berg durch. Wer von Westen kam, stand deshalb zuerst vor einem Halsgraben von rund sechsundzwanzig Metern Breite – ein künstliches Tal, aus dem Fels geschlagen, damit niemand einfach hinüberlaufen konnte. Was heute wie eine Geländeform aussieht, ist die größte Bauleistung der ganzen Anlage.

    Dahinter stieg die Schildmauer auf, und der Name sagt genau, was sie war: ein Schild, hinter dem die Burg Deckung nahm. Am Südende erreichte sie fünfzehn Meter Höhe, unten war sie drei Meter dick. Verkleidet ist sie mit Buckelquadern – jenen grob zugehauenen, nach außen gewölbten Steinen, an denen man staufische Burgen bis heute erkennt. Sie sind zweierlei zugleich: schwerer aufzubrechen als glattes Mauerwerk und teurer als nötig, also auch eine Schaustellung. Aus der Mauer sprang ein Turm von etwa sechs mal vier Metern vor, von dem aus man den Graben der Länge nach bestreichen konnte.

    Die Kernburg dahinter war überraschend klein: rund sechzig mal fünfzig Meter, einstöckige Bauten um einen Hof, in dessen Mitte ein Brunnen lag – ohne eigenes Wasser hält keine Burg eine Belagerung aus. Nach Süden und Osten schloss sich eine größere Unterburg an, in der Vorräte, Vieh und Gesinde untergebracht waren. Der Zugang führte über eine Rampe, später über eine Zugbrücke, in der Ringmauer saßen Schießscharten. Das alles war nicht auf Behaglichkeit gebaut, sondern darauf, von wenigen Leuten gegen viele gehalten zu werden.

    Eines allerdings muss man dazusagen, weil es die Datierung durcheinanderbringt: Was heute oben steht, ist wahrscheinlich gar nicht mehr die Burg Konrads II. Die ältere Anlage wurde 1255 bei einer Belagerung zerstört, und erst danach entstand aus ihren Resten die Schildmauerburg, die das Bild bis heute bestimmt. Die Mauer, die man fotografiert, ist also nicht der Anfang dieser Geschichte, sondern ihre Folge – und wie es dazu kam, steht im nächsten Kapitel.

    Der Rest des Bergfrieds über dem Halsgraben. Die Holzbrücke hat der Rietburg-Verein 2012 nach altem Vorbild wieder aufgelegt.
    Der Rest des Bergfrieds über dem Halsgraben. Die Holzbrücke hat der Rietburg-Verein 2012 nach altem Vorbild wieder aufgelegt.Foto: Llez, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
    Grundriss der Anlage: Kernburg, Schildmauer, Zwinger und Unterburg.
    Grundriss der Anlage: Kernburg, Schildmauer, Zwinger und Unterburg.Zeichnung F. Lippert, gemeinfrei über Wikimedia Commons

    1255

    Der Überfall bei Edesheim

    Im Jahr 1255 geschah auf dieser Burg etwas, das bis nach Holland Wellen schlug: Ein Ritter aus der Pfalz nahm eine Königin gefangen. Der Grund dafür lag allerdings woanders, als man lange dachte.

    Man muss die Lage kennen, sonst wirkt die Tat wie eine Laune. Nach dem Tod Friedrichs II. im Jahr 1250 zerfiel die staufische Ordnung, und das Reich hatte keinen Herrscher mehr, den alle anerkannten. Wilhelm von Holland, Graf des gleichnamigen Landes, war 1247 zum Gegenkönig gewählt worden und wurde erst nach dem Tod Konrads IV. im Jahr 1254 allgemein als König anerkannt. Seine Stellung verdankte er nicht zuletzt einer Heirat: 1252 hatte er Elisabeth geheiratet, die Tochter Herzog Ottos des Kindes von Braunschweig-Lüneburg, und mit ihr die welfische Verwandtschaft und die sächsischen Fürsten gewonnen. Die Gegend zwischen Rhein und Haardt war derweil ein Flickenteppich aus Bistümern, Städten und kleinen Herrschaften, die alle ihre eigene Rechnung aufmachten.

    In diesen Flickenteppich kam 1254 etwas Neues. Am 13. Juli schlossen sich Mainz, Köln, Worms, Speyer, Straßburg und Basel mit einer Reihe von Bischöfen und Herren für zehn Jahre zum Rheinischen Städtebund zusammen; bis Ende 1256 gehörten ihm über dreißig Fürsten und mehr als sechzig Städte an. Sein Zweck war der Landfriede: sichere Straßen und Flüsse, keine willkürlichen Zölle, kein Überfall auf Kaufleute. Für die Städte war das eine Lebensfrage – und für die kleine Ritterschaft der Umgebung eine Kampfansage, denn genau davon lebte ein Teil von ihr.

    In dieses Kräftefeld hinein reiste im Jahr 1255 die Königin. Elisabeth von Braunschweig war von der Bischofsstadt Worms zur Reichsburg Trifels unterwegs, mit Gefolge, darunter Graf Adolf von Waldeck. Der Trifels bei Annweiler war keine Burg wie andere: Dort wurden im 12. und 13. Jahrhundert immer wieder die Reichskleinodien verwahrt, Krone, Zepter und Reichsapfel, und wer sie besaß, konnte seinen Anspruch auf das Reich zeigen. „Wer den Trifels hat, hat das Reich“, hieß es. Die Reise war also keine Vergnügungsfahrt. Der Weg dorthin führte an Edesheim vorbei, keine fünf Kilometer von Rhodt, und dort überfiel Hermann von Rietberg den Zug und brachte die Königin hinauf auf die Rietburg.

    Warum er das tat, ist die Frage, die lange unbeantwortet blieb – und die neuere Forschung anders beantwortet, als man es sich in der Pfalz erzählt hat. Danach galt der Überfall wahrscheinlich gar nicht der Königin, sondern ihrem Begleiter. Adolf von Waldeck war Reichshofrichter und Stellvertreter des häufig abwesenden Königs, und er war einer der wichtigsten Unterstützer eben jenes Rheinischen Städtebundes, der mit der regionalen Ritterschaft in schweren Auseinandersetzungen stand. So gesehen war die Tat keine Räuberlaune, sondern ein Schlag in einem Konflikt: die Ritterschaft gegen das Bündnis, das ihr die Einkünfte nehmen wollte. Dass am Ende eine Königin auf dem Berg saß, war die Zuspitzung – und der Teil, über den alle sprachen.

    Die Antwort kam schnell und war unmissverständlich. Fürsten und Städte der Umgebung stellten sich gegen ihn und rückten mit Belagerungstruppen an, ausgerüstet mit dem, was damals modern war – darunter die Blide, ein Wurfgeschütz, das über einen Gegengewichtsarm Steine von mehreren Zentnern gegen Mauern schleuderte. Gegen so etwas half die beste Schildmauer nur eine Weile. Am 4. Dezember 1255 kam Elisabeth frei.

    Der Preis war hoch. Die alte Burg lag nach der Belagerung in Trümmern, und aus ihren Resten wurde bald darauf jene Schildmauerburg errichtet, deren Mauer heute noch steht – das Wahrzeichen des Berges ist das Ergebnis einer verlorenen Sache. Hermann von Rietberg der Ältere behielt zwar sein Leben, musste aber ins Kloster Eußerthal eintreten, ausgerechnet in jenes Haus, in dessen Urkunde seine Familie hundert Jahre zuvor zum ersten Mal genannt worden war. Die Burg übernahm sein Sohn. Als beide zwischen 1256 und 1260 ohne männliche Nachkommen starben, endete das Geschlecht, das dem Berg seinen Namen gegeben hatte, nach kaum drei Generationen.

    Und Elisabeth? Sie kam am 4. Dezember 1255 frei – und wurde keine acht Wochen später Witwe. Wilhelm von Holland brach im Januar 1256 auf einem Feldzug gegen die Friesen bei Alkmaar mit dem Pferd durchs Eis und wurde erschlagen; sein Leichnam wurde erst 1282 von seinem Sohn geborgen. Die Frau, die auf der Rietburg gefangen saß, hat König, Freiheit und Witwenschleier innerhalb eines Winters erlebt. Mit Wilhelms Tod begann zudem jene Zeit der Doppelwahlen und schwachen Könige, die man das Interregnum nennt – die Gegend, in der Rhodt liegt, hat also im selben Winter ihre Königin und ihre Ordnung verloren.

    1260 – 1681

    Vierhundert Jahre bergab

    Nach 1260 gehörte die Burg nie wieder jemandem, der auch dort wohnte. Genau daran ist sie zugrunde gegangen.

    Zunächst fiel sie an den Speyerer Bischof Heinrich von Leiningen zurück, und der übertrug sie seinem Bruder Emich IV. von Leiningen-Landeck. An dieser Stelle kreuzen sich die Fäden dieser Reihe zum ersten Mal: Es ist derselbe Emich, der um 1260 in der Queichniederung eine Siedlung anlegte, aus der Landau wurde. Als die Linie Leiningen-Landeck 1289 ausstarb, kam die Burg an Otto von Ochsenstein und über dessen Tochter Katharina wieder an einen leiningischen Zweig; Anfang des 14. Jahrhunderts erlangte das Hochstift Speyer das Eigentum. Danach wurde sie immer wieder verpfändet und wechselte den Lehensnehmer.

    Dieses Verpfänden ist der eigentliche Grund für alles Weitere, und es ist erklärungsbedürftig, weil es unserem Begriff von Grundbesitz widerspricht. Eine Burg war im Mittelalter auch ein Wertgegenstand: Wer Geld brauchte, gab sie als Sicherheit weg und behielt das Recht, sie zurückzukaufen. Der Pfandnehmer bekam dafür die Einkünfte – aber eben nur so lange, bis der Eigentümer auslöste. Wer immer die Rietburg gerade als Pfand hielt, hatte darum selten Grund, viel Geld in Mauern zu stecken, die ihm morgen nicht mehr gehören würden. Man wohnte darin, man nutzte sie, man reparierte das Nötigste.

    Man sieht es am Verlauf. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts waren die Schäden so groß, dass ausgebessert werden musste. Um 1460 plünderten leiningische Truppen die Anlage – es war die Zeit der Kurfehde, in der Pfalzgraf Friedrich I., der „Siegreiche“, gegen den Mainzer Erzbischof, den Herzog von Zweibrücken-Veldenz und den Grafen von Leiningen Krieg führte. Eine Fehde war damals kein Ausnahmezustand, sondern ein anerkanntes Mittel: förmlich angesagter Privatkrieg zwischen Herren, die kein Gericht über sich anerkannten. Bewohnt blieb die Burg trotzdem, aber als Bischof Matthias von Rammung sie 1464 besuchte, entging ihm der erbärmliche Zustand der Ausstattung nicht.

    Militärisch zählte sie noch eine Weile. 1470, in der Weißenburger Fehde, war die Rietburger Besatzung an der gescheiterten Belagerung der Kropsburg über St. Martin beteiligt. Zwei Jahre später aber wurde die Burgkapelle St. Katharina abgebaut und in die neu errichtete Burg von Hanhofen gebracht – man holt keinen Altar aus einem Haus, an dessen Zukunft man noch glaubt. Ein letztes Mal taucht die Rietburg 1552 auf, im Zweiten Markgrafenkrieg: Truppen Albrechts II. Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach besetzten sie kurz und zogen wieder ab, als die Soldaten Kaiser Karls V. anrückten. Danach schweigen die Akten über sie als Wehrbau.

    1681 ist sie erstmals als Ruine verzeichnet. Ob der Dreißigjährige Krieg ihr den Rest gab oder ob sie einfach aufgegeben wurde und zerfiel, lässt sich heute nicht mehr entscheiden; überliefert ist es nicht. Vermutlich beides: Erst kam der Krieg, dann kamen die Leute aus den Dörfern und holten sich die Steine. Eine verlassene Burg war in einem Jahrhundert, das jeden Quaderstein von Hand herstellen musste, vor allem eines – ein Steinbruch mit Aussicht.

    Halbrelief in der Burgmauer – eines der wenigen Bildwerke, die geblieben sind.
    Halbrelief in der Burgmauer – eines der wenigen Bildwerke, die geblieben sind.Foto: Llez, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

    1822 – 1957

    Als die Ruine zur Sehenswürdigkeit wurde

    Das 19. Jahrhundert entdeckte die Romantik, und mit ihr die Burgruine. Was zweihundert Jahre lang Steinbruch gewesen war, wurde plötzlich ein Ausflugsziel.

    Der Umschwung kam nicht von den Burgen, sondern von den Betrachtern. Die Romantik suchte im Mittelalter das Gegenbild zu einer Gegenwart, die ihr zu nüchtern geworden war, und eine Ruine war dafür das vollkommene Bild: Geschichte, die man ansehen kann, ohne in ihr leben zu müssen. Dazu kam, dass man reisen konnte. Wer sich im 19. Jahrhundert eine Sommerfrische leistete, wollte etwas sehen, und ein verfallener Turm über einem Weindorf war genau das Richtige. Zweihundert Jahre lang hatte die Rietburg niemanden interessiert, der nicht Steine brauchte. Nun kamen Leute mit Skizzenbüchern.

    1822 erwarb die Gemeinde Rhodt die Ruine. Es ist ein bemerkenswerter Vorgang, wenn man bedenkt, wem dieser Berg in acht Jahrhunderten alles gehört hatte – Abteien, Bischöfen, Grafen, Pfandnehmern. Nun kaufte ihn das Dorf, das darunter liegt, und zwar nicht, um darin zu wohnen, sondern um ihn zu behalten. Im frühen 19. Jahrhundert wurde ein erstes Mal instand gesetzt.

    1872 machte die Burg noch einmal von sich reden. Bei Grabungsarbeiten stießen Arbeiter im Gemäuer auf 580 Gold- und Silbermünzen des 16. Jahrhunderts. Das ist kein verlorener Geldbeutel, das ist ein Depot: Jemand hat dort oben in unruhiger Zeit ein Vermögen versteckt und ist nie zurückgekommen, es zu holen. Ein Datum bietet sich an, sobald man den vorigen Abschnitt gelesen hat – 1552, als die Truppen des Markgrafen Albrecht Alcibiades auf der Burg saßen und die kaiserlichen Soldaten näher rückten. Wer der Besitzer war und was ihn abhielt, weiß niemand. Die Burg hat ihr letztes Geheimnis behalten.

    Im 20. Jahrhundert wurde aus dem Ausflugsziel eine Einrichtung. 1925 ließ die Gemeinde umfangreiche Erhaltungsarbeiten ausführen, um den Zerfall aufzuhalten; aus heutiger Sicht ist manches davon umstritten, weil mehr gebaut als gesichert wurde. 1931 errichtete der Pfälzerwald-Verein – der Wanderverein, der den Wald mit Hütten, Wegen und Markierungen überhaupt erst zugänglich gemacht hat – eine Hütte in den Ruinen. Und Mitte der fünfziger Jahre folgte der größte Eingriff: In die Kernburg wurde eine Burggaststätte gesetzt. Seither steht in der mittelalterlichen Anlage ein Gasthaus, und die Aussichtsterrasse liegt dort, wo einmal der Hof mit dem Brunnen war.

    Man kann das beklagen, und die Denkmalpflege täte es mit guten Gründen. Man kann aber auch feststellen, dass die Rietburg dadurch das geworden ist, was sie heute für die Region bedeutet. Eine gesicherte, aber leere Ruine hätte die Gemeinde achtzig Jahre lang Geld gekostet und niemanden hinaufgebracht. So steht an einem guten Sonntag mehr Publikum auf diesem Berg, als im ganzen Mittelalter je dort oben gelebt hat – und die Einnahmen halten die Mauern, die sie besuchen kommen.

    Die Terrasse in der Kernburg, darunter Rhodt und die Rheinebene. Der Blick, für den die Burg einmal gebaut wurde – heute mit Kaffee.
    Die Terrasse in der Kernburg, darunter Rhodt und die Rheinebene. Der Blick, für den die Burg einmal gebaut wurde – heute mit Kaffee.Foto: Ramessos, gemeinfrei über Wikimedia Commons

    Seit 1954

    Der Sessellift von der Villa hinauf

    1954 wurde die Rietburgbahn gebaut, die erste Sesselbahn der Pfalz. Sie beginnt an der Villa Ludwigshöhe und fährt in etwa zehn Minuten zur Burg hinauf; ihre Trasse verläuft an der Ostseite des Berges, zur Rheinebene hin, sodass man die Aussicht während der Talfahrt vor sich hat. Sie gehört in die Jahre, in denen die Gegend lernte, von Gästen zu leben: Die Weinstraße vor der Haustür brachte Autofahrer vorbei, und eine Straße nützt einem Ort nur, wenn es einen Grund gibt anzuhalten. Der Berg über Rhodt war ein solcher Grund, sobald man nicht mehr eine Stunde hinaufsteigen musste.

    Damit liegen zwei Bauwerke an einer Linie, die nichts miteinander zu tun haben und doch alles: unten die Sommerresidenz eines bayerischen Königs von 1852, oben die Ruine einer Ritterburg von 1204. Dazwischen sechshundert Jahre und ein Sessellift.

    Seit 1991

    Was von der Burg geblieben ist

    Seit 1991 kümmert sich der Rietburg-Verein um den Erhalt der Anlage, und was das heißt, sieht man am Halsgraben. 2012 hat der Verein für rund fünfundzwanzigtausend Euro die hölzerne Brücke wieder aufgelegt, die über den Graben führt – man geht heute also dort hinüber, wo im 13. Jahrhundert die Zugbrücke lag. Es ist der einzige Punkt der Burg, an dem man ihre alte Funktionsweise noch mit dem Körper begreift: erst das künstliche Tal, dann die Mauer, dann der Hof.

    Wer die Arbeit des Vereins unterstützen oder mehr über die Burg lesen möchte: Rietburg-Verein e. V.

    Erhalten sind Teile der Schildmauer, Reste des Berings – so heißt die umlaufende Ringmauer – und der Zwinger, jener schmale Raum zwischen zwei Mauerringen, in dem ein Angreifer von oben beschossen werden konnte, sowie das Tor der Unterburg. Der Rest ist Wald, Sandstein und Aussicht.

    Diese Aussicht ist der Grund, warum die meisten heute heraufkommen, und sie ist erstaunlich weit. Über die Ebene hinweg liegt die gesamte Bergstraße im Blick, vom Melibokus im Norden bis zum Königstuhl bei Heidelberg, dazu der Steinsberg bei Sinsheim als höchste Erhebung des Kraichgaus. Im Südosten steht der Nordschwarzwald von der Badener Höhe bis zur Hornisgrinde. An besonders klaren Tagen erkennt man weit im Nordnordosten die Hochhäuser von Frankfurt. Jeden September führt außerdem der Internationale Rietburg-Berglauf hier herauf, achteinhalb Kilometer und vierhundertzwanzig Höhenmeter – die Burg wird also noch immer gestürmt, nur freiwillig.

    Vom Garten des Rhodter Schlössels aus sieht man die Burg über den Dächern stehen. Es ist ein guter Gedanke, dass die beiden Häuser sich seit zweihundertfünfzig Jahren gegenseitig im Blick haben – das eine gebaut, um sich zu verteidigen, das andere gebaut, um den Sommer zu genießen. Zwischen ihnen liegt nicht nur ein Berg, sondern der ganze Weg von einer Zeit, in der Aussicht ein militärischer Vorteil war, zu einer, in der sie ein Vergnügen ist.

    Kurz notiert

    • 1149 erste Nennung der Herren von Riet in einer Urkunde des Klosters Eußerthal
    • Erbaut zwischen 1200 und 1204 von Konrad II.; die heutige Schildmauerburg entstand nach 1255
    • 531 Meter hoch – die zweithöchst gelegene Burg der Pfalz
    • 1255 Gefangennahme der Königin Elisabeth von Braunschweig, Freilassung am 4. Dezember
    • Schildmauer bis 15 Meter hoch, Halsgraben rund 26 Meter breit
    • 1470 letzter Kriegseinsatz der Besatzung, 1552 letzte Besetzung, 1681 als Ruine verzeichnet
    • 1822 von der Gemeinde Rhodt erworben, 1872 Fund von 580 Münzen des 16. Jahrhunderts
    • Rietburgbahn seit 1954, Burggaststätte seit Mitte der 1950er Jahre, Rietburg-Verein seit 1991
    • Frei zugänglich, zu Fuß vom Ort oder mit der Sesselbahn ab Villa Ludwigshöhe
    Der Blick von der Rietburg über die Oberrheinebene.
    Der Blick von der Rietburg über die Oberrheinebene.Foto: Llez, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons