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    Das Dorf selbst

    Rhodt unter Rietburg

    Zwölfhundertfünfzig Jahre, zwei Herrschaften, eine Straße, die als die schönste der Pfalz gilt – und ein Wirt, der wohlerzogenen Damen aus Landau beibrachte, was ein ordentliches Glas ist.Band IV · Autor: Roland A. L. Gerlinger

    um 700 – 1307

    Fünfzehn Morgen und eine Wiese

    Die erste Nachricht von Rhodt ist eine Schenkung. Ein Mann und eine Frau geben Land an ein Kloster – und geraten dafür in die Ewigkeit.

    Im Jahr 773 verzeichnet der Codex des Klosters Lorsch, dass ein gewisser Alrad und seine Frau Secundina dem Kloster fünfzehn Morgen Land und eine Wiese schenken – in einem Ort namens „Crothincheim“. Man muss wissen, was dieser Codex ist, sonst wirkt der Eintrag zufällig: Das Kloster Lorsch an der Bergstraße war eine der reichsten Abteien des Frankenreichs, und es ließ jede Schenkung, die es erhielt, in ein Kopialbuch eintragen. Über dreitausend solcher Einträge sind erhalten, und weil das Kloster genau buchte, kennen Hunderte von Dörfern zwischen Main und Haardt ihr erstes Datum. Rhodts Datum ist dieses. Von Alrad und Secundina wissen wir sonst nichts: keine Herkunft, keine Kinder, kein Grab. Nur diese eine Zeile, die sie überdauert hat.

    Der Ort war damals längst da; die Schenkung nennt ihn ja bereits beim Namen. Um das Jahr 700 stand an der Stelle der heutigen Kirche schon eine hölzerne Kapelle. Wo heute der Turm von St. Georg über die Dächer schaut, wird also seit dreizehn Jahrhunderten gebetet – das ist die längste ununterbrochene Nutzung, die dieser Ort vorzuweisen hat, länger als jedes Haus und länger als jeder Weinberg.

    Der Name selbst erzählt vom Anfang. „Rhodt“ ist ein Rodungsname: Wo -rod oder -rodt im Ortsnamen steckt, haben Menschen Wald geschlagen, um Äcker und Reben zu pflanzen – der Ort ist also nach der Arbeit benannt, mit der er entstand. In den Urkunden des Klosters Eußerthal heißt er schlicht „Rode“. Erst um 1300 kam der Zusatz „unter Rietburg“ hinzu, zur Unterscheidung von anderen Orten gleichen Namens und weil inzwischen die Burg über dem Dorf stand, von der unser erster Band erzählt. 1307 ist die Schreibweise „Rhodt“ zum ersten Mal belegt, mit jenem stillen h, das sich der Ort bis heute leistet.

    2022 hat Rhodt sein 1250-jähriges Bestehen gefeiert, gerechnet von jener Schenkungszeile aus dem Lorscher Codex. Es gibt ältere Dörfer, auch in dieser Gegend. Aber es gibt nicht viele, die ihren Geburtsschein so genau kennen – und noch weniger, die ihn einem Ehepaar verdanken, von dem sonst nichts geblieben ist.

    Rhodt von der Rietburg aus gesehen – das Dorf zwischen Reben, dahinter die Ebene.
    Rhodt von der Rietburg aus gesehen – das Dorf zwischen Reben, dahinter die Ebene.Foto: Stefan Oemisch, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

    um 1300 – 1801

    Die Enklave, die zweimal vergeben wurde

    Fünfhundert Jahre lang gehörte Rhodt Herren, deren Land weit weg lag. Es hat dem Dorf nicht geschadet – im Gegenteil.

    Vom 14. Jahrhundert an war Rhodt eine württembergische Enklave: ein Flecken Pfalz, regiert von Stuttgart aus, siebzig Kilometer und ein halbes Dutzend fremder Territorien entfernt. Das klingt heute absurd, war im Alten Reich aber die Regel. Herrschaft entstand dort nicht aus zusammenhängendem Staatsgebiet, sondern aus Erbschaften, Heiraten und Pfandgeschäften; ein Fürst besaß eben das, was ihm zugefallen war, und wo es lag, war zweitrangig. So kam es, dass ein württembergischer Amtmann in einem pfälzischen Weindorf saß. 1576 baute sich die Herrschaft ihr Amtshaus an der Weinstraße, Hausnummer 71 – es steht noch.

    Am 20. Dezember 1603 dann ein Tausch, wie ihn nur diese Landkarte hervorbringen konnte: Markgraf Ernst Friedrich von Baden-Durlach übernahm Rhodt, Württemberg bekam dafür Bad Liebenzell und Altensteig. Für beide Seiten war es ein Arrondierungsgeschäft – jeder gab weg, was fern lag, und nahm, was er besser erreichen konnte. Der Volksmund hat daraus eine Formel gemacht, die man sich in Rhodt bis heute gern gefallen lässt: Wein gegen Wasser. Der Markgraf hatte keine vier Monate, sich daran zu freuen; im April 1604 starb er. Sein Tausch aber hielt zweihundert Jahre.

    Unter Baden wurde Rhodt wohlhabend, und das lässt sich an einem ungewöhnlichen Dokument ablesen. Der Weinhandel blühte, und 1752 erließ Markgraf Carl Friedrich ein eigenes Weinrecht für Rhodter Weine – eine frühe Form der Qualitätssicherung, gewissermaßen ein Reinheitsgebot für ein einzelnes Dorf. Ein Landesherr erlässt keine Verordnung für ein Erzeugnis, das niemand kennt. Man schrieb dem Rhodter Wein also schon vor zweihundertsiebzig Jahren einen Rang zu, der eigene Paragraphen verdiente.

    Wer heute die Weinstraße entlanggeht, kann diese ganze Epoche an den Hausnummern ablesen. Nummer 71 das württembergische Amtshaus, Nummer 60 der badische Amtshof, Nummer 44 der Durlacher Hof von 1616: zwei Herrschaften, wenige Schritte auseinander, beide mit dem Anspruch, hier zu Hause zu sein. Und zwischen ihnen die Torbögen der Winzer, die von beiden gut lebten und die Herren wechseln sahen, ohne dass sich an ihrer Arbeit etwas geändert hätte.

    Zu Ende ging die badische Zeit nicht durch einen Tausch, sondern durch eine Unterschrift: 1801 trat Baden im Frieden von Lunéville seine linksrheinischen Besitzungen an Frankreich ab. Da standen die Truppen der Republik freilich längst im Land, und die Verwaltung arbeitete längst französisch. Wie aus dem badischen Weindorf für anderthalb Jahrzehnte eine französische Gemeinde wurde, erzählt das nächste Kapitel.

    Das Alte Rathaus – Selbstbewusstsein eines Dorfes, das vom Wein lebte.
    Das Alte Rathaus – Selbstbewusstsein eines Dorfes, das vom Wein lebte.Foto: Stefan Oemisch, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

    1792 – 1814

    Als Rhodt eine Mairie wurde

    Die Revolution kam nicht als Idee über den Rhein, sondern als Armee. Was sie mitbrachte, war trotzdem vor allem eines: eine neue Ordnung auf dem Papier.

    Ab 1792 zogen französische Truppen durch die Pfalz, ab 1798 wurde das linke Rheinufer nach französischem Muster verwaltet. Aus dem badischen Amtsort wurde damit eine Verwaltungseinheit der Republik. „Roth“, wie die Akten nun schrieben, bildete eine eigene Mairie im Kanton Edenkoben – der Kanton umfasste fünfundzwanzig Gemeinden und hatte ein eigenes Friedensgericht –, dieser gehörte zum Arrondissement Speyer und dieses zum Département du Mont-Tonnerre, dem Donnersberg-Departement mit der Präfektur in Mainz. Ein Winzerdorf am Haardtrand hing plötzlich an einem Verwaltungsfaden, der bis Paris reichte. Und zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde es nicht von einem fernen Hof aus regiert, sondern von einem Maire aus den eigenen Reihen, dem ein Adjunkt zur Seite stand.

    Für die Winzer änderte sich dabei erheblich mehr als der Briefkopf. Der Zehnt fiel, die Frondienste fielen, die Standesunterschiede vor dem Gesetz fielen. Wer Reben besaß, besaß sie jetzt ganz – zum ersten Mal seit Menschengedenken gehörte den Rhodtern ihre Ernte ohne Abzug. Dazu kam ein ganzes Bündel an Einrichtungen, das wir heute für selbstverständlich halten: der Zivilstand mit Geburts-, Heirats- und Sterberegistern statt allein der Kirchenbücher, das Notariat, ein geordnetes Hypothekenwesen, öffentliche Gerichtsverhandlungen mit Geschworenen und die Gewerbefreiheit. Meter und Franc lösten Elle und Gulden ab. Ein Dorf, das seinen Wein bis Paris verkaufte, konnte mit einem Recht, das von Paris bis Mainz dasselbe war, nur gewinnen.

    Das Kirchengut wurde Nationalgut und kam unter den Hammer. Heilsbruck bei Edenkoben, das Zisterzienserinnenkloster mit seinen Weinbergen, erwarben 1805 zwei Landauer Bürger bei der Versteigerung in Mainz. So kam Land, das jahrhundertelang der Kirche gehört hatte, in die Hände von Winzern und Kaufleuten – und blieb dort. Nicht wenige der Lagen, die heute die Südliche Weinstraße prägen, stammen aus dieser Umverteilung; sie ist der Grund, warum in dieser Gegend so viele mittelgroße Familienweingüter stehen und so wenige große Güter.

    Der Friede von Lunéville machte 1801 völkerrechtlich fest, was längst Alltag war. Und dann geschah das, was diese Jahre für Rhodt wichtiger macht als jede spätere Herrschaft: Die Ordnung blieb. Als 1816 Bayern kam, behielt die Pfalz ihre „rheinischen Institutionen“ – die Pfälzer verteidigten den Code civil, die Schwurgerichte und die Gleichheit vor dem Gesetz mit solcher Entschiedenheit, dass München sie ließ. Rechts des Rheins galten Frondienste noch Jahrzehnte, links nicht. Das Bürgerliche Gesetzbuch löste den Code civil erst 1900 ab. Rhodt hat also fast ein Jahrhundert lang unter einem Recht gelebt, das Napoleon gegeben hatte.

    Was blieb

    • Département du Mont-Tonnerre, Kanton Edenkoben (25 Gemeinden), Mairie Rhodt – 1798 bis 1814
    • Zehnt und Frondienste aufgehoben, Gleichheit vor dem Gesetz, Gewerbefreiheit
    • Zivilstandsregister, Notariat, Hypothekenwesen, öffentliche Gerichte – bis 1900 als „Rheinisches Recht“ in Kraft
    • 1805 Versteigerung des Klosters Heilsbruck an zwei Landauer Bürger
    • 1815: 1.398 Einwohner – mehr als heute

    1800 – 1849

    Drei Staaten in fünfzehn Jahren

    Die neue Freiheit hatte einen Preis, und sie hatte Gewinner. Beide standen in Rhodt an derselben Straße.

    Die Rechnung schrieb der Kaiser. Mit der französischen Staatsbürgerschaft kam die Konskription, die allgemeine Wehrpflicht, und so marschierten auch Rhodter Söhne in Napoleons Armeen – nach Spanien, nach Preußen, 1812 nach Russland, von wo die wenigsten Pfälzer zurückkehrten. Aus denselben Jahren ist ein Rhodter überliefert, der um 1810 in die Molotschna-Steppe am Schwarzen Meer auswanderte, wohin damals viele Südwestdeutsche zogen. Das Dorf war in Bewegung geraten, in alle Richtungen zugleich: die einen gingen unfreiwillig, die anderen freiwillig, und beide gingen weiter fort, als vor 1789 überhaupt denkbar gewesen wäre.

    Es gab auch Gewinner, und der größte saß längst im Herzen Frankreichs. Jean Michel Soehnée, dessen Familie sich um 1780 das Sommerschlössel an den Ortsrand gebaut hatte, war Bankier in der Rue de Richelieu und wurde im Februar 1800 zu einem der drei ersten Zensoren der eben gegründeten Banque de France berufen – jener Männer, die dem neuen Institut auf die Finger sahen. Man muss sich diese Gleichzeitigkeit vor Augen führen: Im Dorf vereidigte die Republik einen Maire, und in Paris prüfte ein Rhodter die Bücher der Staatsbank, deren erste Generalversammlung der Erste Konsul persönlich besuchte. Rhodt war in jenen Jahren französischer, als es je bayerisch werden sollte.

    Der Zweite kam von außen und blieb. Karl Heinrich Schattenmann aus Landau kaufte 1812 das Schlössel für 20.000 Francs, wurde 1814 Bürgermeister von Landau, später Generalrat des Niederrheins und Offizier der Ehrenlegion. Sein Reihenbau im Weinberg vor dem Haus – die Idee, die Reben in geordneten Zeilen statt in Stöcken zu ziehen – wurde später von Dr. Jules Guyot im Auftrag der französischen Regierung begutachtet. Auch das ist ein Erbe dieser Jahre: Ein Landauer Bürgermeister unter französischem Recht bringt eine Neuerung in einen pfälzischen Weinberg, und Paris schickt einen Gutachter.

    1814 brach das Kaiserreich zusammen, und die Landkarte wurde noch einmal neu gezeichnet. 1815 fiel Rhodt zunächst an das Kaisertum Österreich, 1816 mit der ganzen Pfalz an das Königreich Bayern. Das Dorf zählte damals 1.398 Einwohner – mehr als heute. Drei Staaten in fünfzehn Jahren, und kein einziges Haus musste dafür umgebaut werden; nur die Gesetzbücher im Rathaus blieben die französischen.

    Was aus diesem Selbstbewusstsein wuchs, lässt sich an drei Namen ablesen, die alle in diesem Buch vorkommen. Karl Friedrich Nebenius, in Rhodt geboren, schrieb 1818 die badische Verfassung, die als die freiheitlichste ihrer Zeit galt. 1832 stiegen dreißigtausend Menschen auf das Hambacher Schloss, achtzehn Kilometer nördlich. Und 1849 schloss sich der Rhodter Adjunkt Karl Philipp Leppla dem Pfälzischen Aufstand an. Die Kastanienallee, die Königinloge und die Torbögen sind die Pfalz, die man sieht. Das freie Eigentum am Weinberg ist die Pfalz, von der sie lebt.

    Die Theresienstraße

    Achthundert Meter, fünf Namen, ein Ruf

    Es gibt Dörfer mit schönen Häusern. Und es gibt Rhodt, wo die Häuser eine einzige, achthundert Meter lange Erzählung bilden.

    Die Theresienstraße beginnt an der Weinstraße und steigt sanft gegen den Berg. Rund hundertzehn Häuser stehen an ihr, das früheste trägt die Jahreszahl 1518. Was man sieht, ist keine Zufallsmischung, sondern ein Bautyp: Winzerhöfe in Haus-Hof-Bauweise, das Wohnhaus zur Straße, dahinter der Hof mit Keller, Kelter und Scheune, davor die breite Torfahrt, durch die ein beladener Wagen passt. Dazu Torbögen aus der Renaissance, Fachwerk des 18. Jahrhunderts, Krüppelwalmdächer, Kopfsteinpflaster – und über allem mehr als vierzig Rosskastanien, gepflanzt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einige davon mit roten Blüten.

    Ein Detail versteht man erst, wenn man es weiß: Ab Hausnummer 55 wird die Straße plötzlich doppelt so breit. Dort floss bis um 1900 das Bergwasser offen durch die Straßenmitte, in den „Bachstahlen“, hinab zur Leiselbach. Die Straße machte dem Wasser Platz, und das Wasser war nützlich – man wässerte damit, man löschte damit, und die Fässer wurden damit ausgespült. Erst die Kanalisation nahm der Straße den Bach. Die Breite ist geblieben, als Erinnerung an ein Dorf, durch das ein Gewässer lief.

    Ihren heutigen Namen trägt die Straße nach Königin Therese von Bayern, die von der Ludwigshöhe herab zur evangelischen Kirche kam – ihr Kirchweg wurde zur Adresse. Davor hieß sie schlicht Obergasse oder Steingasse, im Gemeindekataster von 1839 „Rippurger Straße“, im frühen 20. Jahrhundert Roßkastanienallee. In den Dreißigerjahren wurde ein Teil in „Hindenburgallee“ umbenannt; nach 1945 machte man das wieder rückgängig. Fünf Namen in zweihundert Jahren, und jeder erzählt, wer gerade zu ehren war – die Häuser haben alle überdauert.

    Heute steht die Straße als Denkmalzone unter Schutz, als „charakteristische Straßenlandschaft eines vorderpfälzischen Weinbaudorfes“, wie es die Denkmalpflege nüchtern nennt. Das heißt in der Praxis: Wer hier ein Fenster ändern will, spricht vorher mit dem Amt. Weniger nüchtern ist der Ruf, der ihr vorauseilt – für viele Pfälzer ist die Theresienstraße schlicht die schönste Straße Deutschlands und eine der meistfotografierten Ansichten der Region.

    Die Theresienstraße – Winzerhöfe, Kastanien und der Turm von St. Georg.
    Die Theresienstraße – Winzerhöfe, Kastanien und der Turm von St. Georg.Foto: BlueBreezeWiki, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

    St. Georg

    Die Glocke, die zweimal blieb

    Dreizehn Jahrhunderte Gottesdienst an derselben Stelle – und eine Glocke, die beide Weltkriege überstand.

    Auf die Holzkapelle von etwa 700 folgten mehrere Vorgängerbauten, bis Rhodt um 1470 eine eigene Pfarrei wurde. Das ist ein größerer Schritt, als es klingt: Bis dahin musste man für Taufe, Trauung und Begräbnis zur Mutterkirche, und die Abgaben gingen dorthin. Mit der eigenen Pfarrei leistete sich das Dorf auch einen eigenen Turm – zweiundvierzig Meter Sandstein, spätgotisch, im Schlussstein des Kreuzgewölbes die Jahreszahl 1481. Er ist bis heute das Wahrzeichen des Ortes, der Zeigefinger, den man von allen Weinbergen aus sieht.

    1519 erhielt der Turm seine große Glocke, gegossen von Bonifatius Helig von Baden, gestimmt auf Es – die größte gotische Glocke der Pfalz. Sie sollte die treueste Bewohnerin des Ortes werden. In beiden Weltkriegen wurden Glocken beschlagnahmt und eingeschmolzen, weil man die Bronze für Geschütze brauchte; drei ihrer Schwestern hat es getroffen. Sie selbst blieb, zweimal, weil man sie als historisch wertvoll einstufte. Wenn sie heute läutet, läutet ein Klang von 1519 über dieselben Dächer.

    1570 wurde Rhodt lutherisch; seither führt die Gemeinde ihre Kirchenbücher, und das ist der Grund, warum sich die Rhodter Familien so weit zurückverfolgen lassen. 1720 bis 1722 ersetzte man das alte Schiff durch einen barocken Saalbau nach dem Vorbild der Speyerer Dreifaltigkeitskirche – mit Deckenbildern der Taufe Christi und des Letzten Abendmahls, Holzemporen mit biblischen Szenen und Sitzbänken, auf denen noch die Namensplaketten der Familien von 1720 sitzen. Man kann sich in dieser Kirche also buchstäblich auf die Plätze der Vorfahren setzen.

    Und dann ist da die Königinloge. Der Armsessel mit dem silbernen „T“ unter der Krone, auf dem Therese von Bayern ihren Gottesdienst hörte, steht bis heute im Presbytergestühl, restauriert mit Unterstützung des Hauses Wittelsbach, hundertfünfzig Jahre nach ihrem letzten Besuch. Damit stehen in einem Raum von wenigen Metern die Glocke einer katholischen Pfarrei von 1519, die Emporen einer lutherischen Gemeinde von 1720 und der Sessel einer evangelischen Königin von 1852. Die ganze Geschichte dieser Königin erzählt unser Band über die bayerischen Könige.

    Rosengarten und Rebschule

    Der älteste Weinberg und die Ironie daneben

    Rhodt besitzt den vielleicht ältesten tragenden Weinberg der Welt – und hatte, wenige hundert Meter entfernt, die Anstalt, die den modernen Weinberg erfand.

    Vom Rhodter Rosengarten war in dieser Reihe schon die Rede: rund sechshundert Quadratmeter, etwa dreihundert Stöcke Traminer mit eingesprengtem Silvaner, gepflanzt vor dem Dreißigjährigen Krieg, von wem, weiß niemand. Das Entscheidende ist ein Fachwort: Die Reben stehen wurzelecht, das heißt, sie wachsen auf ihren eigenen Wurzeln. Das ist heute eine Seltenheit, denn die Reblaus, eine aus Amerika eingeschleppte Blattlaus, vernichtete ab den 1860er-Jahren fast alle europäischen Weinberge, indem sie deren Wurzeln zerstörte. An den knorrigen alten Stöcken des Rosengartens fand sie keinen Ansatz. Heute gehört die Parzelle dem Weingut Oberhofer in Edesheim; die Familie ist seit 1754 in der Pfalz, keltert biozertifiziert und füllt aus den 150 bis 300 Litern des Jahres eine Rarität ab, die schlicht „DER ÄLTESTE“ heißt.

    Nun die Ironie. 1925 pachtete die Gemeinde vier Hektar Ödland am Kästenberg, und 1927 errichtete der Staat dort die Rebveredlungsanstalt: Züchtungsgebäude, Winzerscheune, Gewächshäuser. Ihre Aufgabe war die Bekämpfung eben jener Reblaus, und zwar mit dem Verfahren, das Europas Weinbau gerettet hat – dem Pfropfen. Man setzt ein Edelreis der europäischen Rebe auf die Wurzel einer amerikanischen, die gegen die Laus unempfindlich ist; oben wächst der europäische Wein, unten steht die amerikanische Wurzel. Bis zu zwei Millionen so veredelte Reben verließen die Anstalt im Jahr. Das Dorf, das den letzten wurzelechten Altbestand hütete, wurde damit zugleich die Werkbank des gepfropften Weinbaus. Wenige hundert Meter lagen zwischen dem Weinberg von gestern und dem von morgen.

    In den Sechzigerjahren rettete die Anstalt nebenbei die seltene Rotweinsorte St. Laurent durch Erhaltungszüchtung. 1969 wurde sie geschlossen; aus dem Gelände wurde nach mancherlei Umwegen 2004 das Hotel „Alte Rebschule“ – mit einem Gasthaus, das „Sesel“ heißt, nach dem gebogenen Rebmesser der Pfälzer Winzer.

    1958 taten sich Rhodter Winzer zur Genossenschaft „Rietburg“ zusammen, benannt nach der Burg über dem Ort – der übliche Weg kleiner Betriebe, gemeinsam zu keltern und gemeinsam zu verkaufen. Und noch heute wird in Rhodt mehr gefeiert, als geerntet werden kann: das Heimat- und Blütenfest seit 1952, die Kerwe im Durlacher Hof, das Fest des Neuen Weines am Eichplatz. Unter den Reben wachsen Feigen und Edelkastanien, denn das Klima der Südlichen Weinstraße ist das mildeste Deutschlands – und Rhodt nutzt es seit zwölfhundert Jahren für dasselbe Erzeugnis.

    Der Südfrüchtegarten in Rhodt – Feigen und Zypressen unter pfälzischer Sonne.
    Der Südfrüchtegarten in Rhodt – Feigen und Zypressen unter pfälzischer Sonne.Foto: Stefan Oemisch, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

    1903

    Ein Liter ist ein Piff

    Jedes Dorf hat seine Legende. Die von Rhodt handelt von feinen Damen, einem Wirt und der Frage, was ein ordentliches Glas ist.

    Um 1900 kehrten wohlhabende Damen aus Landau regelmäßig im Gasthaus „Zum Adler“ ein. Man muss die Regeln der Zeit kennen, um die Geschichte zu verstehen: Einer Dame stand es nicht an, viel Wein zu bestellen – wohl aber, oft zu bestellen. Ein „Piff“, das Achtelglas, galt als damenhaft. Acht Piff hintereinander galten es offenbar auch.

    1903 hatte der Wirt Ferdinand Seitz genug vom Nachschenken. Er ließ ein Glas anfertigen, das einen ganzen Liter fasste, schrieb „Rhodter Piff“ darauf und stellte es den Damen hin. Auf ihren Protest antwortete er mit einem Satz, der das Dorf überlebt hat: „Bei uns in Rhodt ist das ein Piff.“

    Der Rhodter Piff wird bis heute ausgeschenkt, mit Urkunde für den, der ihn schafft; es gibt eine Piff-Route durch die Weinberge und einen Gedenkstein für den Wirt, der ihn erfand. Man kann an dieser Geschichte ermessen, wie ein Dorf mit sich selbst umgeht, das seit Jahrhunderten vom Wein lebt: Es nimmt den Wein ernst und sich selbst nicht zu sehr. Und es hat, ganz nebenbei, aus einer Frechheit gegenüber zahlenden Gästen eine Marke gemacht, die hundertzwanzig Jahre hält.

    Ein anderes Rhodter Leben verlief weniger heiter, und es gehört daneben, damit das Bild stimmt. Richard Runck, Sohn jenes Pfarrers, der 1889 die erste Ortsgeschichte schrieb, zog als Freiwilliger in den Burenkrieg, geriet bei Johannesburg in Gefangenschaft, wurde nach Ceylon verschifft, wurde später Distriktschef in Deutsch-Südwestafrika, im Herero-Aufstand schwer verwundet, im Ersten Weltkrieg noch einmal, danach anderthalb Jahre in französischer Gefangenschaft. Er starb 1922, vierundfünfzigjährig, wieder in Rhodt. Zwischen dem Pfarrhaus in der Theresienstraße und den Kriegen der Welt lagen bei ihm nur wenige Schritte – und das Dorf hat beide Geschichten aufgehoben, die vom Literglas und die vom Sohn, der zurückkam.

    Rhodt im Jahr 1968 – die Straße, wie sie Generationen kannten.
    Rhodt im Jahr 1968 – die Straße, wie sie Generationen kannten.Private Aufnahme, CC0, Wikimedia Commons

    Vom Schultheiß zum Ortsbürgermeister

    Wer das Dorf führte

    Zwölfhundert Jahre Rhodt heißt auch: zwölfhundert Jahre lang hat jemand die Verantwortung getragen. Die Ämter wechselten die Namen – die Aufgabe blieb.

    Unter Württemberg und Baden stand dem Dorf ein Schultheiß vor. Das war kein gewählter Bürgermeister, sondern ein von der Herrschaft eingesetzter Mann, der Abgaben eintrieb, niedere Gerichtsbarkeit ausübte und dem Amtmann berichtete – ein Beamter mit Wohnsitz unter denen, die er verwaltete. Als die Pfalz 1798 französisch wurde, bekam Rhodt eine eigene Mairie mit einem Maire und seinem Adjunkten, also zum ersten Mal eine Ortsspitze aus den eigenen Reihen. Bayern machte daraus 1816 den Bürgermeister, die Bundesrepublik den Ortsbürgermeister. Der Gemeinderat zählt heute sechzehn Sitze.

    Einer der Adjunkten hat Geschichte gemacht: Karl Philipp Leppla, stellvertretender Bürgermeister, schloss sich 1849 dem Pfälzischen Aufstand an – jener Erhebung für die Reichsverfassung der Paulskirche, die preußische Truppen im Juni niederschlugen. Rhodt war also nicht nur beim Hambacher Fest dabei, sondern auch bei dem, was daraus folgte, und zwar in Person seines zweiten Mannes im Rathaus.

    Ein Vierteljahrhundert lang, von 1863 bis 1889, führte der Gutsbesitzer Carl Ludwig Becker das Dorf. Es sind die Jahre, in denen Schattenmann drüben im Schlössel den Reihenbau erprobte, die Ludwigshöhe unter dem Prinzregenten ihre zweite Blüte erlebte und auf dem Blättersberg der Ludwigsturm entstand – für ein Dorf dieser Größe eine bemerkenswert dichte Zeit. Sein Sohn Friedrich, 1866 im Ort geboren, brachte es bis zum Präsidenten des Oberlandesgerichts Zweibrücken; von ihm erzählt das nächste Kapitel.

    In unserer Zeit trug Irmgard Gromöller das Amt, bis 2014 der Informatiker Torsten Engel folgte. 2019 wählte Rhodt Armin Pister von den „Aktiven Bürgern Rhodt“, und seit dem 16. Juli 2024 ist Uwe Winter Ortsbürgermeister, mit 57 Prozent der Stimmen gewählt. Sie alle verwalten ein Dorf, in dem vier von fünf Häusern Denkmäler sind – ein Amt, das mehr Fingerspitzengefühl verlangt als mancher Landkreis, weil hier jede Sanierung eine Abwägung zwischen Wohnen und Bewahren ist.

    Menschen aus Rhodt

    Wer von hier aufgebrochen ist

    Ein Dorf von elfhundert Seelen hat Verfassungen geschrieben, Bilder gemalt, Gerichte geleitet und Museen gegründet. Man muss es nur aufzählen.

    Der Bedeutendste ist zugleich der Unbekannteste. Karl Friedrich Nebenius kam am 29. September 1784 in Rhodt zur Welt, als Sohn eines badischen Amtmanns – des Mannes also, der im Amtshof an der Weinstraße die Markgrafschaft vertrat. Nebenius studierte in Tübingen, trat 1807 in badische Dienste und schrieb 1818 die Verfassung des Großherzogtums Baden, die als die freiheitlichste ihrer Zeit in Deutschland galt. Damit nicht genug: Er führte Baden 1836 in den Zollverein, baute das Karlsruher Polytechnikum auf – aus dem die heutige Technische Universität wurde –, plante die Eisenbahn von Mannheim nach Basel und den Mannheimer Hafen und war zweimal badischer Ministerpräsident. Ein Junge aus der Theresienstraße hat einem Land seine Ordnung gegeben.

    Carl Philipp Sues, 1752 hier geboren, wurde in Frankfurt Tuch- und Wollhändler und saß in der Bürgervertretung, der Handelskammer und dem Gesetzgebenden Körper der Freien Stadt. Johann Jakob Serr, geboren 1807, wurde Maler – seine „Traubenlese“, mit dem Hambacher Schloss im Hintergrund, hing einst im Schlössel und ist der Grund, warum wir heute wissen, wie eine Rhodter Lese um 1864 aussah.

    Friedrich Becker, geboren 1866 als Sohn des Bürgermeisters, studierte in Straßburg, Berlin und München, wurde Staatsanwalt in Frankenthal, 1919 Abgeordneter im Bayerischen Landtag, 1920 Landgerichtspräsident in Frankenthal und 1927 Präsident des Oberlandesgerichts Zweibrücken. Als 1933 die jüdischen Anwälte aus den Gerichten gedrängt werden sollten, erhob er Einspruch – und ging noch im selben Jahr in den Ruhestand. Es ist die kürzeste Geschichte in diesem Band und vielleicht die, an der am meisten hängt: ein Richter, der wusste, wann Schweigen keine Option ist.

    Hans Schäfer, geboren am 26. Januar 1910 in Rhodt, wurde Jurist, Staatssekretär im Bundesinnenministerium und 1971 Präsident des Bundesrechnungshofes – sieben Jahre lang der oberste Kassenprüfer der Republik, Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. Und Berthold Roland, geboren 1928, wuchs in Rhodt als Sohn eines Kirchenrats auf, wurde Kunsthistoriker, Direktor des Landesmuseums Mainz und Gründungsdirektor der Villa Ludwigshöhe. Der Mann, der Slevogt ins Haus des Königs holte, hatte als Kind von der Theresienstraße zu diesem Haus hinaufgeschaut.

    Und die Frauen des Dorfes: Cilly Seitz aus der Wirtsfamilie des Piff wurde 1932 Pfälzische Weinkönigin, nur ein Jahr nach der Einführung dieses Amtes. Königin Therese stiftete die Kleinkinderschule von 1853, die bis heute ihren Namen trägt. Dazu die, die von außen kamen und blieben: Schattenmann, der Weinbaureformer; Grohé, der Mitgründer der BASF, der 1900 hier starb; Steigelmann, der Kunstsammler und Ehrenbürger; die Maler Heinz Brzoska und Hans-Heinrich Fußer; der Kunstprofessor Wolf Wrisch mit seiner Akademie Rhodt – und Pfarrer Runck, der 1889 die erste Ortsgeschichte schrieb, damit all das nicht verloren geht. Ohne ihn wüsste man das meiste hiervon nicht mehr.

    Söhne und Töchter des Dorfes

    • Carl Philipp Sues (1752–1839), Kaufmann und Politiker in Frankfurt
    • Karl Friedrich Nebenius (1784–1857), Verfasser der badischen Verfassung von 1818, Ministerpräsident
    • Johann Jakob Serr (1807–1880), Maler
    • Friedrich Becker (1866–1938), Landtagsabgeordneter, Präsident des Oberlandesgerichts Zweibrücken
    • Hans Schäfer (1910–1980), Präsident des Bundesrechnungshofes
    • Berthold Roland (1928–2022), Gründungsdirektor der Villa Ludwigshöhe, Direktor des Landesmuseums Mainz
    • Cilly Seitz, Pfälzische Weinkönigin 1932/33

    Das Dorf jetzt

    Elfhundert Menschen und ein Weltruf

    Rhodt unter Rietburg zählt heute gut elfhundert Einwohner und gehört zur Verbandsgemeinde Edenkoben im Landkreis Südliche Weinstraße. Auf dem Papier ist es ein kleines Dorf, und es hat heute weniger Einwohner als 1815. Auf den Fotografien, die jedes Jahr zu Zehntausenden entstehen, ist es der Inbegriff der Pfalz.

    Was diesen Ort trägt, ist die Dichte. Auf achthundert Metern Straße stehen das württembergische Amtshaus und der badische Hof, Torbögen von 1518 bis in den Barock, die Kirche mit der Glocke von 1519 und dem Sessel einer Königin; darüber Burg und Villa, am Ortsrand der Weinberg, der älter ist als der Dreißigjährige Krieg. Es gibt größere Dörfer mit weniger Geschichte auf mehr Fläche. Und es gibt wenige, in denen man das alles an einem Nachmittag zu Fuß abgehen kann.

    Mittendrin steht das Rhodter Schlössel, von dessen Familien, Weinbergen und Gästen die übrigen Bände dieser Reihe erzählen. Ein Haus ist immer nur so reich wie der Ort, der es umgibt. Diesem Ort verdankt es viel.

    Kurz notiert

    • 773 erste Erwähnung als „Crothincheim“ im Lorscher Codex
    • Um 1300 bis 1603 württembergische Enklave, dann durch Tausch an Baden („Wein gegen Wasser“)
    • 1752 eigenes badisches Weinrecht für Rhodter Weine
    • 1798–1814 eigene Mairie im Kanton Edenkoben, Département Donnersberg – Zehnt und Feudallasten fallen
    • Theresienstraße: rund 110 Häuser, frühestes Baudatum 1518, Denkmalzone
    • St.-Georgs-Kirche: Turm von 1481, Glocke von 1519 – die größte gotische Glocke der Pfalz
    • Rhodter Rosengarten: wurzelechte Traminerstöcke von vor 1618, Naturdenkmal seit 1968
    • 1903 erfindet Ferdinand Seitz den Rhodter Piff – das Ein-Liter-„Achtelglas“
    • 2022 Feier von 1250 Jahren Rhodt
    • Bürgermeister seit 1863: Carl Ludwig Becker (1863–1889) … Irmgard Gromöller, Torsten Engel (2014), Armin Pister (2019), Uwe Winter (seit 2024)