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    Wo die Farben aufgezogen wurden

    Das Hambacher Schloss

    Auf dem Serr-Gemälde in unserem Traminer-Kapitel grüßt es im Hintergrund. Achtzehn Kilometer nördlich von Rhodt steht die Burg, auf der im Mai 1832 dreißigtausend Menschen für Pressefreiheit, ein einiges Deutschland und die Rechte der Frauen einstanden.Band II · Autor: Roland A. L. Gerlinger

    um 1000 – 1688

    Siebenhundert Jahre, bevor irgendjemand feierte

    Bevor das Hambacher Schloss ein Symbol wurde, war es siebenhundert Jahre lang schlicht eine Burg – und die meiste Zeit davon eine bischöfliche.

    Im 11. Jahrhundert entstand auf dem Berg über Hambach eine Burg, die zum Eigentum der Salier gehörte – jenes Kaisergeschlechts, das aus dieser Gegend stammte und dessen Grablege der Dom zu Speyer ist. Ihren Namen bekam sie nach dem Berg: Kästenberg hieß er damals, Schlossberg heißt er heute, und Kästenburg blieb der Name der Anlage bis ins 19. Jahrhundert. Der Platz war nicht zufällig gewählt. Von dort oben beherrschte man die Handelswege, die sich unten bei Neustadt kreuzten, und wer Handelswege beherrscht, verdient an ihnen.

    Um 1100 wechselte sie den Besitzer, und zwar auf eine Weise, die für das Mittelalter typisch ist: Der Speyerer Bischof Johannes I., der mit den Saliern verwandt war, vermachte die Burg dem Hochstift Speyer. Dort blieb sie über Jahrhunderte. Sie war dabei kein bloßer Wehrbau, sondern Residenz und Archiv – hier lagen Urkunden, auf denen Besitzansprüche gründeten, und mehrere Bischöfe haben zeitweise oben gewohnt. Wer sein Archiv auf einen Berg legt, rechnet mit unruhigen Zeiten.

    Wie weit ein Mann von dieser Burg aus kommen konnte, zeigt Trushard von Kästenburg, bezeugt zwischen 1178 und 1201. Er war Ministeriale – Dienstmann, wie die Herren von Riet auf der Rietburg – und machte im Dienst Kaiser Heinrichs VI. eine glänzende Laufbahn: 1188 in die Lombardei entsandt, im selben Jahr Podestà von Chieri und Ivrea, 1193 kaiserlicher Vertreter in Italien, danach Schatzmeister in Speyer. Ein Dienstmann von einem pfälzischen Weinberg regierte also oberitalienische Städte. Es ist derselbe Aufstiegsweg, den Band I an der Rietburg beschreibt, nur einmal bis zum Ende gegangen.

    Die unruhigen Zeiten kamen dann auch. 1525 richtete der Bauernkrieg Schäden an. 1552 eroberten die Truppen des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach die Burg und brannten sie nieder – derselbe Söldnerführer, dessen Leute im selben Jahr die Rietburg über Rhodt besetzten. Die Bischöfe zogen daraufhin in das nahe gelegene Schloss Geispitz; die Kästenburg wurde nur notdürftig wieder hergerichtet und diente danach einem bischöflichen Förster als Wohnung. Aus der Residenz war ein Forsthaus geworden.

    Den Rest gab ihr der Pfälzische Erbfolgekrieg. Im September 1688 brannten französische Truppen die ohnehin marode Anlage nieder; es ist derselbe Krieg, in dem in Landau achtzig Prozent der Wohnhäuser in Flammen aufgingen. Nur die dem Erzengel Michael geweihte Burgkapelle wurde noch einmal aufgebaut und 1723 neu geweiht, bis französische Revolutionäre sie 1794 zerstörten. Danach lag die Burg über hundert Jahre als Ruine über dem Weinland – Steinbruch für die Umgebung, Kulisse für Spaziergänger. Sie fiel zunächst an den französischen Staat und 1816 an das Königreich Bayern, was später noch wichtig wird: Man kann nur verkaufen, was einem gehört.

    Die Ruine um 1800 – so lag sie über hundert Jahre lang über der Rheinebene.
    Die Ruine um 1800 – so lag sie über hundert Jahre lang über der Rheinebene.Ölgemälde, Foto: Kunsthandel Helmut Schmoll, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

    1816 – 1831

    Eine Landschaft, die den Code civil behalten hatte

    Um zu verstehen, warum ausgerechnet hier dreißigtausend Menschen einen Berg hinaufgingen, muss man wissen, was die Pfälzer besaßen – und was man ihnen nahm.

    Zwanzig Jahre lang, von 1797 bis 1814, war das linke Rheinufer französisch gewesen. Was davon blieb, war kein Heimweh, sondern ein Rechtssystem. Der Code civil kannte die Gleichheit vor dem Gesetz, das Verfahren wurde öffentlich und mündlich geführt, und über Schuld oder Unschuld entschieden Geschworene aus dem Volk, nicht Beamte des Landesherrn. Das klingt heute nach Selbstverständlichkeit; östlich des Rheins suchte man es damals vergeblich. Wer einmal erlebt hat, dass ein Nachbar über ihn urteilt und nicht ein Amtmann, gibt das nicht gern wieder her.

    Die Landkarte hatte sich derweil zweimal geändert. Auf dem Wiener Kongress wurde der Rheinkreis zunächst Österreich zugeschlagen und ein Jahr darauf, 1816 im Vertrag von München, an das Königreich Bayern abgetreten; später nannte man ihn Rheinpfalz, um ihn von der bayerischen Oberpfalz zu unterscheiden. Die Pfalz war damit ein Landesteil ohne Grenze zum eigenen Staat, verwaltet aus einem München, das dreihundert Kilometer und ein fremdes Land entfernt lag. Das französische Recht ließ die neue Regierung zunächst bestehen. Aber sie holte sich auf anderem Weg zurück, was sie an Ordnung vermisste – über die Steuern, über die Zölle und über die Presse, für die seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 im ganzen Deutschen Bund die Vorzensur galt.

    Getroffen hat das vor allem den Weinbau, und die Zahlen sind deutlicher als jede Klage. Die Steuern in der Pfalz lagen zwei- bis viermal so hoch wie in Altbayern. Der Beitritt zum bayerisch-württembergischen Zollverein Ende 1829 erleichterte zwar den Handel innerhalb dieses Vereins, erschwerte aber den Austausch mit allen Kleinstaaten außerhalb, und die Aufschläge lagen ausgerechnet auf Wein und Tabak – den beiden Hauptausfuhren der Gegend. Der Frankfurter Schriftsteller Johann Wilhelm Sauerwein, der später selbst nach Hambach kam, brachte es 1831 auf eine Formel: „Deutschland ist immer noch ein großer Wald, aber voll Schlagbäumen, und Schlagbäume sind für Fürsten die ergiebigsten Bäume.“

    Dazu kam das Wetter. 1829 folgte auf eine Missernte ein Anstieg der Nahrungsmittelpreise, um 1830 kamen strenge Winter, 1831 eine schlechte Weinlese und eine mäßige Getreideernte. Zwischen 1829 und 1832 verteuerten sich die Grundnahrungsmittel um mehr als ein Drittel. Wie weit das ging, zeigt eine einzige Zahl aus den Gerichtsakten: Nahezu ein Fünftel der Bevölkerung der Region wurde in diesen Jahren wegen Forstfrevels angeklagt – also dafür, dass sie sich Holz aus dem Wald geholt hatte. Wer die Rhodter Weinchronik jener Jahre liest, findet dort Fehljahre und magere Herbste, wo anderswo von Politik die Rede ist. Es ist dieselbe Not, nur anders aufgeschrieben.

    Ein Volk, das Rechte kennt und Hunger hat, ist eine besondere Mischung. In der Pfalz kam beides zusammen, und dazu kam ein Drittes: Nachrichten von draußen. In Frankreich hatte die Julirevolution von 1830 den König gestürzt und einen neuen auf den Thron gesetzt, der die Krone aus der Hand des Parlaments empfing; in Belgien erkämpfte sich ein Land seine Unabhängigkeit mit liberaler Verfassung; und in Polen erhoben sich im Novemberaufstand 1830/31 die Menschen gegen die russische Herrschaft, wurden geschlagen und flohen nach Westen. Ihr Weg ins französische Exil führte durch die Pfalz. In Neustadt wurden die polnischen Flüchtlinge öffentlich empfangen und mit Geld- und Sachspenden unterstützt – und man versteht sofort, warum ein Jahr später eine polnische Fahne im Festzug ganz vorn getragen wurde.

    1831 – 1832

    Wenn die Druckerpresse versiegelt wird

    Das Hambacher Fest begann nicht auf dem Berg. Es begann in zwei Redaktionsstuben.

    Johann Georg August Wirth gab die „Deutsche Tribüne“ heraus, Philipp Jakob Siebenpfeiffer den „Westboten“. Beide schrieben, was der Deutsche Bund nicht lesen wollte: über Pressefreiheit, über Volkssouveränität, über ein Deutschland, das mehr wäre als ein Bündnis von Fürsten. Dass sie überhaupt Leser fanden, hat mit der Zensur selbst zu tun. Weil über die eigenen Verhältnisse nicht berichtet werden durfte, füllten die Blätter ihre Spalten mit dem Ausland – und lieferten ihren Lesern damit Monat für Monat den Vergleich, den die Obrigkeit gerade verhindern wollte.

    Die Behörden lasen mit. Wirths Zeitung wurde von der ersten Nummer an beobachtet, Siebenpfeiffers mit Schikanen überzogen. Anfang 1832 ließ man die Druckerpressen versiegeln – eine Maßnahme von handgreiflicher Deutlichkeit: nicht ein Verbot auf Papier, sondern ein Siegel auf der Maschine. Wer sie brach, machte sich strafbar, und wer sie unberührt ließ, war erledigt.

    Die Antwort kam über einen Umweg, den man erklären muss, weil sein Name heute in die Irre führt. Versammlungen waren verboten, Festessen nicht; also veranstaltete man Feste zu Ehren verdienter Abgeordneter. Eines davon war das „Erste Schülerfest“ am 29. Januar 1832 in Zweibrücken-Bubenhausen – benannt nicht nach Schülern, sondern nach Friedrich Schüler, dem liberalen Abgeordneten der bayerischen Zweiten Kammer. Aus dieser Runde ging der Deutsche Preß- und Vaterlandsverein hervor, der die freie Presse finanzieren und verteidigen sollte. Am 3. Februar rief Wirths Zeitung mit dem Artikel „Deutschlands Pflichten“ zum Beitritt auf; die Flugschrift ging in fünfzigtausend Exemplaren durchs Land.

    Jetzt ging es schnell. Metternich drängte den Deutschen Bund, dem ein Ende zu bereiten; zum 1. März erließ die bayerische Regierung ein allgemeines Vereinsverbot, unter das auch der Preß- und Vaterlandsverein fiel, und verbot zugleich die „Deutsche Tribüne“. Am 16. März wurde Wirth verhaftet. Am 14. April aber sprach ihn das Appellationsgericht in Zweibrücken frei – wieder war es das französische Recht, das die Pfalz behalten hatte. Der Freispruch machte das Vereinsverbot vor aller Augen fragwürdig und brachte dem Verein großen Zulauf.

    Damit war der Weg der Eingaben zu Ende, und Siebenpfeiffer schlug etwas anderes vor: ein „deutsches Nationalfest“, im „bedeutungsvollen Mai“, oben bei der Ruine von Hambach. Die Einladung schrieb er selbst; am 20. April erschien sie in der Presse.

    27. Mai 1832

    Dreißigtausend gehen den Berg hinauf

    An einem Pfingstsonntag im Mai 1832 zog eine Menschenmenge zur Ruine hinauf, wie sie die Pfalz nie gesehen hatte.

    Die bayerische Regierung versuchte es zu verhindern, und die Art, wie sie das tat, hat dem Fest am meisten genützt. Ihr Vertreter Andrian-Werburg verbot es und erließ am 8. Mai eine Verordnung, die den Zutritt nach Neustadt, Winzingen und Hambach beschränkte, der Polizei erlaubte, Wirtshäuser zu schließen, und Versammlungen von mehr als fünf Personen sowie Reden an öffentlichen Orten untersagte. Der Neustadter Stadtrat protestierte, die Städte der Umgebung schlossen sich an, der Vorstand des Preß- und Vaterlandsvereins klagte. Die Regierung musste die Verordnung zurücknehmen; um ihren Vertreter nicht bloßzustellen, ließ sie das Verbot des Festes formal bestehen. Das Hin und Her stand wochenlang in allen Zeitungen und machte aus einer regionalen Zusammenkunft ein deutsches Ereignis.

    Am 26. Mai trafen die meisten Gäste ein, der Publizist Ludwig Börne als Ehrengast schon zwei Tage früher. In den Neustadter Läden wurden schwarz-rot-goldene Kokarden und Liedtexte verkauft, daneben auch französische in Blau-Weiß-Rot, was Wirth verdross – das Festkomitee bestand auf dem eigenen Charakter der Sache. Abends versammelten sich Journalisten und Liberale im Schießhaus, darunter Börne, Vertreter einer Straßburger Gesellschaft und Abgesandte des polnischen Nationalkomitees aus Paris. Dort wurde auch die Frage gestellt, ob man wieder nur reden oder ob man losschlagen wolle. Man stimmte förmlich darüber ab und entschied sich gegen den Aufstand. Das ist der vielleicht wichtigste Satz über Hambach: Es hätte anders ausgehen können, und man hat sich dagegen entschieden.

    Am Morgen des 27. Mai formierte sich um acht Uhr auf dem Neustadter Marktplatz der Zug, unter Glockengeläut und Böllerschüssen. Die Reihenfolge war bedacht: voran eine Bürgergarde mit Musik, dann die Frauen und Jungfrauen, unter denen ein Fähnrich die polnische Fahne trug, dann eine zweite Bürgergarde, die Festordner mit der schwarz-rot-goldenen Fahne und der Aufschrift „Deutschlands Wiedergeburt“, danach die Landräte der Rheinpfalz, Abordnungen aus anderen Kleinstaaten und die Festbesucher; eine dritte Abteilung der Bürgergarde beschloss den Zug. Vier Kilometer waren es aus der Stadt hinauf und zweihundert Höhenmeter.

    Zwischen den Fahnen ging eine mit, die in dieser Reihe von Bänden besonders zählt. Die Weinbauern der Pfalz trugen ihre eigene, und darauf stand kein Wort über Verfassung oder Volkssouveränität, sondern: „Die Weinbauern müssen trauern.“ Wer wissen will, warum aus einer politischen Idee eine Volksbewegung wurde, findet die Antwort auf diesem Stück Stoff. Die Männer, die es trugen, kamen aus Dörfern wie Rhodt und hatten seit drei Jahren zugesehen, wie Zölle und Missernten ihnen die Rechnung verdarben.

    Gegen elf Uhr standen zwanzig- bis dreißigtausend Menschen auf der Schlossruine – Angaben zwischen zwanzigtausend und sechzigtausend liegen vor, je nachdem, wer zählte. Sie kamen aus fünfzehn deutschen Kleinstaaten, dazu aus Frankreich, Polen und Großbritannien, vom Studenten bis zum Abgeordneten. Das Komitee hisste die polnische Fahne auf einem erhöhten Punkt der Ruine und die deutsche auf den höchsten Zinnen. Und es waren viele Frauen dabei, was kein Zufall war: Siebenpfeiffers Einladung hatte sie ausdrücklich gerufen. „Deutsche Frauen und Jungfrauen“, hieß es dort, „deren politische Mißachtung in der europäischen Ordnung ein Fehler und ein Flecken ist, schmücket und belebet die Versammlung durch eure Gegenwart!“ Für 1832 war dieser Satz kein Detail, sondern eine Ansage.

    Der Zug zum Hambacher Schloss am 27. Mai 1832 – zeitgenössische Darstellung von Erhard Joseph Brenzinger.
    Der Zug zum Hambacher Schloss am 27. Mai 1832 – zeitgenössische Darstellung von Erhard Joseph Brenzinger.Gemeinfrei über Wikimedia Commons
    Kokarde vom Hambacher Fest – die Farben, bevor sie einem Staat gehörten.
    Kokarde vom Hambacher Fest – die Farben, bevor sie einem Staat gehörten.Foto: EPei, CC BY-SA 3.0 de, Wikimedia Commons

    Die Reden

    „Es lebe das freie, das einige Deutschland“

    Oben auf dem Berg wurde drei Tage lang geredet. Was dort gefordert wurde, klingt heute selbstverständlich. Damals war es strafbar.

    Siebenpfeiffer hielt den Deutschen ihre Gleichgültigkeit vor: Man ereifere sich über die Tyrannei anderswo und ertrage sie zu Hause. Er schloss mit dem Satz, der von Hambach geblieben ist: „Es lebe das freie, das einige Deutschland! Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete!“ Der zweite Halbsatz ist kein Zusatz, sondern das Programm – vor ihm standen die Männer, die aus Warschau bis hierher gelaufen waren.

    Wirth ging weiter und dachte europäisch. Er sprach von einem Bund freier Völker, und im selben Atemzug warnte er Frankreich davor, Ansprüche auf das linke Rheinufer zu erheben. Das war heikel, denn viele im Publikum verdankten dem französischen Recht ihre Freiheiten und mancher Redner hatte französische Freunde. Wirths Punkt war trotzdem klar und wurde verstanden: Freiheit ja, aber nicht als Geschenk einer fremden Macht.

    Gefordert wurden nationale Einheit, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Bürgerrechte, Volkssouveränität – und die Gleichberechtigung der Frauen. Es war eine Versammlung, die ihre eigene Zeit an mehreren Stellen überholte. Erreicht wurde an diesem Wochenende nichts davon; verboten und verfolgt wurde alles davon. Und doch steht heute jeder dieser Punkte im Grundgesetz.

    1832 – 1849

    Verhaftet, verurteilt, geflohen – und doch gewonnen

    Der Deutsche Bund reagierte, wie er immer reagierte: mit Paragraphen. Und wie immer half es nur eine Weile.

    Zunächst reagierte allerdings das Land selbst. Das Fest war friedlich verlaufen, aber in den Wochen danach entlud sich der aufgestaute Unmut in kleineren Aufständen, in Worms, in Frankenthal, vor allem in St. Wendel, wo erst der Einmarsch von tausend preußischen Soldaten und der Ausnahmezustand für Ruhe sorgten. In München wurde der Generalkommissar Andrian-Werburg abberufen, der das Fest hatte verbieten wollen.

    Dann kam der Bund. Noch im Sommer 1832 beschloss der Bundestag Ausnahmegesetze: Versammlungsverbote, verschärfte Zensur, ein Verbot politischer Vereine, sogar der Farben Schwarz-Rot-Gold. In der Pfalz wurden Redner verhaftet, Kokarden und Andenken beschlagnahmt. Metternich sprach vom „Hambacher Skandal“; der österreichische Gesandte in Stuttgart sah in der Sache „die grinsenden Züge von Anarchie und Bürgerkrieg“.

    Vor Gericht ging die Rechnung dann nicht auf. Vom 29. Juli bis zum 16. August 1833 tagte in Landau ein außerordentliches Assisengericht gegen dreizehn Angeklagte, und die Geschworenen sprachen die Hauptangeklagten vom Vorwurf der Aufwiegelung frei – wieder das französische Recht, wieder Bürger als Richter. Weil das der Regierung nicht genügte, folgten in Zweibrücken und Frankenthal neun weitere Verfahren wegen angeblicher Beleidigungsdelikte, und dort, vor Zuchtpolizeigerichten ohne Geschworene, kamen die erwarteten Urteile zustande. Siebenpfeiffer floh 1833 aus der Haft in die Schweiz, Schüler nach Frankreich; Wirth verbrachte Jahre in Festungshaft.

    Sechzehn Jahre später sah die Welt anders aus. In der Märzrevolution von 1848 fielen die Zensur und die Vereinsverbote, und mehrere Männer, die 1832 auf dem Berg gestanden hatten, saßen nun in der Frankfurter Paulskirche und schrieben an einer Verfassung; Wirth war einer von ihnen und starb 1848 in Frankfurt als Abgeordneter der Nationalversammlung. Als die Fürsten diese Verfassung ablehnten, erhob sich im Mai 1849 auch die Pfalz noch einmal, mit einer eigenen provisorischen Regierung in Kaiserslautern; preußische Truppen machten dem im Juni ein Ende. Geblieben ist trotzdem etwas: Die Farben, die 1832 verboten worden waren, wurden 1848 die Farben des ersten gesamtdeutschen Parlaments – und 1949 die der Bundesrepublik.

    1823 – 1844

    Sechzehn Bürger, 625 Gulden und ein Kronprinz

    Die Geschichte, wie aus einer Ruine ein Königsschloss wurde, klingt erfunden. Sie ist es nicht.

    1823 kauften sechzehn Neustadter Bürger die Ruine dem bayerischen Staat ab, dem sie seit 1816 gehörte. Der Preis: 625 Gulden. Man kann darüber streiten, ob das ein Schnäppchen war – die Anlage war seit über hundert Jahren zerstört, und wer sie kaufte, kaufte Arbeit. Warum sie es taten, sagen die Quellen nicht; erst was neunzehn Jahre später geschah, gibt der Sache einen Sinn.

    1842 nämlich schenkten sie die Burg dem bayerischen Kronprinzen Maximilian zur Hochzeit. Zehn Jahre nach dem Fest, das sich gegen dessen Haus gerichtet hatte, machten Bürger derselben Stadt dem Thronfolger ein Geschenk. Es ist eine der eigentümlichsten Gesten der pfälzischen Geschichte – eine Versöhnung, ein Kalkül, vielleicht beides; jedenfalls band es den künftigen König an einen Ort, den seine Regierung eben noch hatte sperren lassen. Funktioniert hat es: Seither trägt die Burg auch den Namen „Maxburg“.

    1844 begann der Wiederaufbau. Maximilian wurde 1848 als Max II. König von Bayern – jener Max II., der am 28. Oktober 1852 seine Eltern auf der Villa Ludwigshöhe besuchte, keine acht Kilometer von Rhodt entfernt. Der Kronprinz, dem man eine Ruine schenkte, und der König, der ein Sommerschloss erbte, sind derselbe Mann.

    Sein Vater Ludwig I. hatte übrigens vor, sich schon früher in der Pfalz zu bauen. Dass es mit der Villa Ludwigshöhe erst 1846 losging, hatte auch mit dem Hambacher Fest zu tun: Nach 1832 war die Stimmung in der Region eine andere, und ein königlicher Sommerbau hatte Zeit.

    Das wiederaufgebaute Schloss über dem Schlossberg.
    Das wiederaufgebaute Schloss über dem Schlossberg.Foto: Steffen 962, CC0, Wikimedia Commons

    Seit 1952

    Vom Ausflugsziel zum Denkort

    1952 übernahm der Landkreis die inzwischen wieder überwachsene Anlage. Der große Einschnitt kam zum 150. Jahrestag des Festes: Zwischen 1980 und 1982 wurde das Schloss für rund zwölf Millionen Mark fast vollständig wiederhergerichtet, und zum ersten Mal gab es dort eine Dauerausstellung. Aus dem Ausflugsziel wurde damit ein Ort, an dem etwas erzählt wird.

    Zwischen 2006 und 2011 folgte der Umbau durch den Schweizer Architekten Max Dudler: Aufzug und Barrierefreiheit, ein neues Besucherzentrum, ein Restaurant mit über hundert Plätzen, ein neu gefasstes Gelände. Nicht alles daran war unumstritten, aber die Arbeit wurde 2012 mit dem Preis des Deutschen Architekturmuseums ausgezeichnet. Heute ist das Hambacher Schloss Museum und Veranstaltungsort zugleich – und eine der wenigen Adressen in Deutschland, an denen man Demokratiegeschichte nicht nur liest, sondern begeht.

    Von Rhodt aus sieht man es über die Weinberge hinweg im Norden liegen. Johann Jakob Serr hat es um 1864 in sein Bild der Rhodter Traubenlese gesetzt, das im Kapitel über den Traminer hängt. Wer heute im Schlossgarten steht und nach Norden schaut, sieht dieselbe Silhouette – und weiß jetzt, was dort oben verhandelt wurde, und dass unter den Fahnen an jenem Morgen auch eine der Winzer war.

    Kurz notiert

    • Im 11. Jahrhundert als Kästenburg der Salier gegründet, um 1100 an das Hochstift Speyer
    • 1525 im Bauernkrieg beschädigt, 1552 von Albrecht Alcibiades niedergebrannt, 1688 von französischen Truppen zerstört
    • 1816 an das Königreich Bayern, 1823 von sechzehn Neustadter Bürgern für 625 Gulden gekauft
    • 27. bis 30. Mai 1832: Hambacher Fest mit 20.000 bis 30.000 Teilnehmern aus 15 deutschen Staaten
    • Fahne in Schwarz-Rot-Gold mit der Aufschrift „Deutschlands Wiedergeburt“; die Winzer trugen „Die Weinbauern müssen trauern“
    • 1833 Assisenprozess in Landau – Freispruch der Hauptangeklagten
    • 1842 Hochzeitsgeschenk an Kronprinz Maximilian, seither auch „Maxburg“
    • 1980–1982 wiederhergerichtet, 2006–2011 Umbau durch Max Dudler
    • Rund 18 Kilometer von Rhodt, von den Weinbergen aus sichtbar
    Das Hambacher Schloss, gesehen aus den Weinbergen bei Rhodt – dieselbe Silhouette, die Serr um 1864 in sein Lesebild setzte.
    Das Hambacher Schloss, gesehen aus den Weinbergen bei Rhodt – dieselbe Silhouette, die Serr um 1864 in sein Lesebild setzte.Foto: Hermann Luyken, CC0, Wikimedia Commons