1918 – 1934
Ein Herbst, der zu gut geriet
Am Anfang steht eine Rekordernte. 1934 wuchs in der Pfalz zweieinhalbmal so viel Wein wie im Durchschnitt – und weil der pfälzische Weinbau so gebaut war, wie er gebaut war, brachte genau das die Winzer an den Rand.
Um zu verstehen, warum eine gute Ernte ein Land ruinieren kann, muss man ein Stück zurückgehen. Nach dem Ersten Weltkrieg war das linke Rheinufer von alliierten Truppen besetzt, und die Pfalz gehörte zur französischen Zone. Erst am 30. Juni 1930 zogen die letzten Soldaten ab – zwölf Jahre, in denen die Wirtschaft der deutschen Weinbaugebiete von außen verwaltet wurde und der Handel ins übrige Reich an den Lasten des Versailler Vertrags hing. Nach Westen hin, wo die Besatzungsmacht herkam, öffnete sich deswegen noch lange kein Markt: In Frankreich waren deutsche Weine so gut wie unbekannt, und das Land hatte reichlich eigene. Eine Landschaft, die vom Wein lebte, verbrachte also ein Jahrzehnt in einer Ecke – vom eigenen Hinterland abgeschnitten und ohne Zutritt zum Nachbarland, an dessen Grenze sie lag.
Dazu kommt, wie der Handel damals gebaut war, und das ist der Teil, den man erklären muss, weil ihn heute niemand mehr kennt. Die Winzer vermarkteten ihren Wein nicht selbst. Sie lieferten den Jungwein fassweise an Weinhändler, und die verschnitten, füllten, benannten und verkauften ihn; auf der Flasche stand der Name des Hauses, nicht der des Weinbergs. Der Winzer hatte also keine Kunden, sondern einen Abnehmer. Solange das funktionierte, fiel es niemandem auf. Verstärkt wurde die Abhängigkeit durch die Größe der Betriebe: Weil die Pfalz seit der französischen Zeit beim Code civil geblieben war, wurde der Boden von Generation zu Generation real geteilt, zu gleichen Teilen unter alle Erben. Eine Familie besaß darum nicht ein zusammenhängendes Gut, sondern eine Handvoll schmaler Streifen in verschiedenen Lagen. Wer so wirtschaftet, hat keine Rücklagen, mit denen er ein schlechtes Jahr aussitzen könnte.
Dann kam der Herbst 1934, und er war prachtvoll. Die Lese fiel zweieinhalbmal so hoch aus wie im Mittel der Jahre. In einem Gewerbe, das nach Menge bezahlt wird, müsste das die beste aller Nachrichten sein; ein Markt aber, der die doppelte Menge nicht aufnehmen kann, antwortet mit dem Preis. Die Preise brachen so weit ein, dass sie die Kosten der Erzeugung nicht mehr deckten – wer las, kelterte und einlagerte, machte also Verlust an jedem Liter, bevor er überhaupt verkauft hatte. Wer Fässer hatte, hatte Wein; wer Wein hatte, fand keinen Käufer. Und weil kaum ein Betrieb Rücklagen besaß, konnte auch niemand abwarten, bis sich die Preise erholten.
Zu alldem kam etwas, das kein Wetter erklärt. Genau in diesen Monaten verschwanden die Händler, die als Einzige die Menge hätten aufnehmen können. Viele pfälzische Weinhändler waren Juden; ab 1933 verdrängte die nationalsozialistische Verwaltung sie aus ihrem Beruf – durch Boykotte, Berufsverbote und erzwungene Verkäufe. Mit jeder Firma, die aufgab, fiel ein Weg weg, über den bisher der Wein von Dutzenden Dörfern abgeflossen war. Die Not von 1934 hatte also zwei Ursachen, und nur eine davon war der Jahrgang. Das gehört an den Anfang dieser Geschichte, weil die Straße, die aus dieser Not entstand, später gern als Rettung erzählt wurde.
Auch in Rhodt stand der Wein in den Kellern. Ein Dorf von gut tausend Menschen, dessen Arbeit seit dem Mittelalter im Weinberg lag, sah zu, wie die beste Ernte seit langem zur Last wurde. Die Fässer fuhren wie immer die acht Kilometer hinunter nach Landau in die Kontore, die die Stadt reich gemacht hatten – nur dass dort niemand mehr recht zugriff. Was ein solches Jahr mit einem Dorf macht, steht in keiner Chronik, denn es hinterlässt nichts, was man besichtigen könnte. Es steht in dem, was in diesen Jahren nicht gebaut, nicht erneuert und nicht gepflanzt wurde.

1914 – 1932
Die goldene Weinstraße stand schon im Atlas
Der Gedanke war älter als seine Verwirklichung, und er kam nicht aus der Politik. Ein Schulatlas kannte den Namen schon 1914, und zwei Freunde schrieben ihn 1932 zu Ende.
Der „Seydlitz“ war das Standardwerk des deutschen Erdkundeunterrichts: ein Atlas, der in fast jedem Klassenzimmer des Kaiserreichs lag, dazu ein Begleitband, das „Handbuch der Geographie“. In dessen Ausgabe von 1914 findet sich, im Abschnitt über die Pfalz, die Wendung von der „goldenen Weinstraße“ am östlichen Rand des Pfälzerwaldes – „ein einziger Wingert von Dürkheim bis Neustadt“, mit Ruppertsberg, Deidesheim und Forst. Gemeint war damit keine Route, keine Beschilderung, kein Ausflugsziel; es war die Beschreibung einer Landschaft, so wie ein Geograph ein Kohlerevier beschreibt. Aber der Name war in der Welt, eine ganze Generation hatte ihn im Schulbuch gelesen, und wer später eine Straße taufen wollte, musste nichts mehr erfinden.
Aufgegriffen hat ihn Friedrich von Bassermann-Jordan (1872–1959), und es lohnt sich, kurz bei ihm zu bleiben, weil sein Vorschlag sonst wie eine Laune aussieht. Er war Weingutsbesitzer in Deidesheim, aber vor allem war er der Mann, der 1907, mit fünfunddreißig Jahren, die dreibändige „Geschichte des Weinbaus“ veröffentlichte – bis heute eines der Fundamente der europäischen Weinforschung. Er trug eine der größten Weinbibliotheken Europas zusammen, führte den bayerischen Winzerverband und war von 1910 bis 1935 Aufsichtskommissär für das pfälzische Weinbaugebiet. Er war also amtlich derjenige, der der Krise zusehen musste. Schon in den zwanziger Jahren brachte er eine „Pfälzer Weinstraße“ ins Gespräch, gedacht als Strecke von Neustadt bis Herxheim am Berg. Der Gedanke passt zu einem Mann, der den Wein von seiner Geschichte her kannte: Getrunken und gekauft wurde er über Jahrhunderte dort, wo er wuchs.
Zu Papier brachte er ihn am 15. Mai 1932, gemeinsam mit seinem Freund Daniel Meininger (1876–1964), einem Neustadter Verleger, dessen Haus sich auf die Fachpresse des Weins spezialisiert hatte und das es heute noch gibt. Der Zeitpunkt sagt einiges: 1932 stand die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Tiefpunkt, die Not im Weinbau hatte also nicht erst 1934 begonnen, sie kam damals nur zum Ausbruch. Und was die beiden vorschlugen, kostete nichts. Es sollte keine Straße gebaut und kein Haus errichtet werden. Die vorhandene Kette von Landstraßen am Fuß der Haardt sollte lediglich einen Namen bekommen, ausgeschildert und beworben werden – damit die Leute zum Wein kämen, statt darauf zu warten, dass der Wein zu den Leuten findet. In diesem einen Satz steckt alles, was danach geschah.
1935
Dreihundert Wagen und ein Tor aus Brettern
Was zwei Weinleute 1932 vorgeschlagen hatten, nahm im Juli 1935 die Gauleitung auf. Drei Monate später war die Straße eröffnet – und das war nur möglich, weil sie gar nicht gebaut werden musste.
Ein Wort zur Zuständigkeit, sonst bleibt unklar, wer hier eigentlich handelte. Die NSDAP hatte das Reich in Gaue eingeteilt; an der Spitze eines Gaues stand ein Gauleiter, der Parteichef der Region, und nach 1933 verfügte er über eine Macht, wie sie vorher kein Regierungspräsident besessen hatte. Für die Pfalz war das Josef Bürckel. Angesichts der Lage der Winzer griff er den Gedanken von 1932 im Juli 1935 wieder auf und setzte ihn binnen drei Monaten durch. Möglich war dieses Tempo, weil der Plan nichts weiter verlangte als einen Namen, ein paar Schilder und einen Festakt – die Straßen lagen ja schon da.
Gegenüber dem Vorschlag von 1932 wurde genau eine Sache geändert, und die hatte es in sich: Aus der „Pfälzer“ wurde die „Deutsche“ Weinstraße. Das Wort setzte alle anderen deutschen Weinregionen zurück, und es war nicht umsonst zu haben. Zugestanden wurde es Bürckel für seine Rolle bei der Saarabstimmung. Auch das muss man kurz erklären: Das Saargebiet war seit 1920 dem Völkerbund unterstellt, und am 13. Januar 1935 stimmte seine Bevölkerung über die Zukunft ab; eine große Mehrheit entschied sich für das Deutsche Reich. Bürckel hatte die Abstimmungskampagne geführt und verwaltete anschließend die Rückgliederung. Der Name der Straße war, so gesehen, eine Auszeichnung – vergeben für etwas, das mit Wein nichts zu tun hatte.
Für die Eile gab es noch einen zweiten Grund, und er führt zurück zum Absatzproblem. Der Reichsnährstand – die Zwangskörperschaft, in der das Regime 1933 die gesamte deutsche Landwirtschaft zusammengefasst hatte und der jeder Winzer angehörte, ob er wollte oder nicht – bereitete „Weinpatenschaften“ vor: Städte und Gemeinden anderswo im Reich verpflichteten sich darin, bestimmte Mengen pfälzischen Weins abzunehmen. Eine Straße mit Namen, Fahnen und Festakt war der bessere Rahmen dafür als eine Verordnung.
Am 10. Oktober 1935 fuhr man die gewählte Strecke ab und besserte die schlechten Abschnitte gleich an Ort und Stelle aus – auch daran sieht man, worum es ging: nicht um Straßenbau, sondern darum, dass die Strecke am Festtag befahrbar aussah. Am 19. Oktober eröffnete Bürckel die Weinstraße in Bad Dürkheim mit einem Festakt. Am 20. Oktober, einem Sonntag, an dem im ganzen Reich das „Fest der Traube und des Weines“ begangen wurde, folgte die Eröffnungsfahrt: rund dreihundert Kraftfahrzeuge von Schweigen nach Bockenheim, über die damals fünfundsiebzig Kilometer der Route. Ein einmotoriges Flugzeug hatte die Strecke schon im Morgengrauen abgeflogen. Der Autokorso war die eigentliche Botschaft – hier wurde vorgeführt, wie man diese Landschaft künftig bereisen sollte.
Die beiden Tore, die Anfang und Ende markieren sollten, waren an diesem Tag noch Kulisse: in Schweigen eine Attrappe aus Holz, in Grünstadt eine aus Pappmaché. Festgehalten hat das hölzerne Tor August Croissant (1870–1941), der bekannteste pfälzische Heimatmaler seiner Zeit – geboren in Edenkoben, zwei Kilometer von Rhodt, gestorben in Landau, und nebenbei derjenige, der um 1909 die ersten Entwürfe der Pfalzfahne zeichnete. Sein Bild liegt heute im Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Es ist das einzige Tor der Weinstraße, das nie gebaut wurde und trotzdem erhalten blieb.
Damit ist der schwierige Teil dieser Geschichte erreicht, und er gehört dazu. Die Idee war bürgerlich und älter als das Regime; die Ausführung aber war Staatswerbung, die fast nichts kostete und schnell wirkte. Fremdenverkehr und Weinabsatz stiegen binnen Monaten, unterstützt von den Weinpatenschaften und von den Urlaubsfahrten, die „Kraft durch Freude“ organisierte – die Freizeitorganisation der Deutschen Arbeitsfront, die Reisen zu Preisen anbot, für die vorher niemand verreist wäre. Dass derselbe Staat zuvor die Händler aus dem Markt genommen hatte, die dem Wein nun fehlten, steht in derselben Rechnung. Beides zusammen ergibt das Bild: eine gute Idee, in einer Notlage von denen umgesetzt, die einen Teil dieser Notlage selbst verschuldet hatten.
1936 – 1945
Neunzehn Meter an der Grenze
Ein Jahr nach dem Bretterprovisorium stand dort ein Bauwerk: 19,2 Meter Sandstein über der Landstraße, siebenhundert Meter vor der französischen Grenze.
Der Ort war mit Bedacht gewählt. Das Tor überspannt die Landstraße am Nordostrand von Schweigen; siebenhundert Meter weiter südlich beginnt Frankreich, und dahinter liegt das elsässische Wissembourg, das die Pfälzer Weißenburg nennen. Wer ein Zeichen setzen will, setzt es an eine Grenze. Den Architektenwettbewerb gewannen August Josef Peter und Karl Mittel aus Landau – die Marktstadt in der Ebene, von der ein eigener Band dieser Reihe erzählt, stellte also die Zeichner für das Wahrzeichen im Süden. Die Grundsteinlegung war am 27. August 1936, den Abschluss der Arbeiten feierte man nicht einmal zwei Monate später, am 18. Oktober.
Gebaut wurde neoklassizistisch, in Sandstein, unter einem Walmdach, an dessen Firstenden zwei Mohnkapseln aus Kupfer sitzen – Fruchtbarkeitszeichen, die kaum ein Besucher bemerkt. In 7,6 Metern Höhe zieht sich eine hölzerne Galerie quer durch die Toröffnung, erreichbar über eine dreiläufige Steintreppe; eine zweite Plattform auf knapp zehn Metern öffnet den Blick nach Osten über die Rheinebene bis zum Schwarzwald. Nach Norden, zur deutschen Seite hin, schließt ein gepflasterter Vorhof an, gefasst von niedrigen Flügelbauten mit Säulenhalle und Arkaden. Bemerkenswert ist, wem das Ganze gehörte: Von 1936 bis 1944 war die Winzergenossenschaft Weintor Eigentümerin. Eine Genossenschaft ist die Antwort, die viele kleine Betriebe auf das Problem des ersten Kapitels gefunden hatten – gemeinsam keltern, gemeinsam lagern, gemeinsam verkaufen, damit niemand allein einem Händler gegenübersteht. Das Denkmal der Weinstraße gehörte also den Winzern selbst.
Geschmückt wurde es anders. Das Tor ist nach Süden ausgerichtet, und es sollte von jenseits der Grenze gesehen werden: In der NS-Zeit hing dort eine riesige Hakenkreuzfahne, die aus Frankreich sichtbar war und dort als das verstanden wurde, was sie war. Rechts oben an der Südseite kam ein fast vier Meter hohes Steinrelief des Reichsadlers hinzu, der ein Hakenkreuz in den Fängen hielt. Bald nach Kriegsende wurden die steinernen Zeichen herausgeschlagen. Der Adler steht bis heute dort, mit leeren Fängen – man hat ihn nicht entfernt, sondern kenntlich gemacht, und diese Lösung sagt über den Umgang mit dem Bauwerk mehr als jede Tafel.
Auf derselben Südseite steht noch eine zweite Inschrift. Im März 1945, als die amerikanische Armee die deutsche Westgrenze überschritt, meißelte ein Soldat dort seine Zeile ein: „Jere Gill Min. Wells 3-45“, dazu die Umrisse von Texas und den Stern des Staates. Jere Gill stammte aus Mineral Wells, einer Kleinstadt in Texas, und mehr weiß man nicht von ihm. Seine Zeile ist noch zu lesen. Zwei Zeichen an einer Wand, das eine weggeschlagen, das andere stehen gelassen – wer davorsteht, hat die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Blick.
Der Verkehr hat das Tor inzwischen verlassen. Die Bundesstraße 38 führt heute als Ortsumgehung gut fünfzig Meter östlich daran vorbei, verbunden durch zwei Kreisel; durch das Tor selbst gehen nur noch Fußgänger und Radfahrer. Was einmal eine Durchfahrt war, ist damit zu einem Ziel geworden – man fährt nicht mehr hindurch, man fährt hin. Seit 1969 beginnt hier der erste Weinlehrpfad Deutschlands, drei Kilometer lang, und seit 2007 gehört die gesamte Anlage der Winzergenossenschaft Deutsches Weintor, die im Ostflügel eine Gaststätte betreibt.
seit 1935
Wie ein Dorf zu einer Adresse kam
Die Route wurde nicht gezeichnet, sondern gefunden: Sie folgt einer Linie, die die Erdgeschichte gezogen hat – und an der die Weindörfer ohnehin schon lagen.
Die Haardt, die in dieser Reihe immer wieder vorkommt, ist der Ostrand des Pfälzerwaldes und zugleich die westliche Bruchstufe des Oberrheingrabens: Hier bricht das Land zur Ebene hin ab. Der Streifen davor ist bis zu fünfzehn Kilometer breit, und er hat alles, was die Rebe braucht. Über achtzehnhundert Sonnenstunden im Jahr; der Wald im Rücken, der das Westwetter abhält und die Gegend regenarm macht; und Hanglagen, über die nachts die kalte Luft in die Ebene abfließt, sodass Spätfröste weniger Schaden anrichten als unten. Die Römer haben die Rebe kurz nach der Zeitenwende hierher gebracht, und sie ist geblieben. Aus demselben Grund liegen auch die Dörfer, wo sie liegen: hoch genug, dass der Frost unter ihnen durchzieht, tief genug, dass man den Boden noch bestellen kann.
Diese Linie musste man 1935 also nur benennen. Den Namen bekam derjenige Straßenzug, der die meisten Weinbaugemeinden entlang der Haardt miteinander verband. Sämtliche Ortsdurchfahrten auf dieser Linie wurden in „Weinstraße“ umbenannt, und die Gemeinden durften fortan den Zusatz „an der Weinstraße“ führen – er hat das ältere „an der Haardt“ überall verdrängt. Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang: Eine ganze Region hat sich innerhalb weniger Jahre neu adressiert, und wer heute Neustadt an der Weinstraße oder Bockenheim an der Weinstraße schreibt, schreibt eine Werbeidee von 1932 mit.
Den eigenen Ortsnamen hat Rhodt nicht angetastet; das Dorf nennt sich weiter nach der Burg über seinen Dächern und nicht nach der Straße vor seinen Türen. Aber die Durchfahrt heißt seither Weinstraße, und das Dorf liegt nun auf einer Linie, die im Norden über Edenkoben kommt und im Süden über Weyher, Burrweiler und Gleisweiler weiterzieht – rund hundertdreißig Weinorte auf fünfundachtzig Kilometern, aufgefädelt wie Perlen.
Fremdenverkehr musste man Rhodt dabei nicht erklären. Die Rietburg zog seit Jahrzehnten die Wanderer, die Villa Ludwigshöhe die Neugierigen, und Ferdinand Seitz hatte 1903 den Landauer Damen das Literglas hingestellt. Was die Straße hinzufügte, waren keine neuen Sehenswürdigkeiten, sondern zwei nüchterne Dinge: eine Reihenfolge und eine Nennung. Aus einzelnen Zielen wurde eine Strecke, die man an einem Nachmittag abfahren konnte – und ein Dorf, das an einer benannten Route liegt, steht fortan auf den Karten, in den Prospekten und in den Reiseplänen der anderen. Wer wegen der Villa kam, kam nun auch nach Rhodt, weil Rhodt am Weg lag.
Und der Weg führte durch ein Klima, das sich nicht erfinden ließ. Feigen, Kiwis, Pinien, Zypressen und Esskastanien gedeihen hier im Freiland, und die Mandelbäume rechts und links der Trasse fangen Ende Februar an zu blühen, wenn andernorts noch nichts geht. Der Südfrüchtegarten in Rhodt ist deshalb keine Laune, sondern der örtliche Beweis dafür – und er erklärt, warum die Werbung für diesen Landstrich seit jeher gern von der Toskana spricht. Es ist eine kühne Behauptung, aber sie hat einen wahren Kern: Es ist tatsächlich die wärmste Ecke, die dieses Land zu bieten hat.

1949 – 1995
Die Straße überlebt ihre Herkunft
Was aus einer Notlage und einer Diktatur hervorgegangen war, hätte 1945 enden können. Dass es anders kam, hat einen unspektakulären Grund: Es gab nichts abzureißen.
Die Weinstraße war nie ein Bauwerk gewesen, sondern ein Name über vorhandenen Landstraßen und ein paar Schilder daran. Man konnte sie also weder sprengen noch entnazifizieren; man konnte sie nur weiterbenutzen oder vergessen. Die Region entschied sich für das Erste, und sie hatte gute Gründe dafür, denn der Wein musste nach wie vor verkauft werden. Wie bewusst diese Entscheidung fiel, zeigt der Umgang mit dem Weintor: 1949 kaufte der Landkreis Bergzabern das Bauwerk für zehntausend Mark. Eine öffentliche Hand übernahm damit, vier Jahre nach Kriegsende, ein nationalsozialistisches Denkmal – nachdem man ihm die Zeichen aus dem Stein geschlagen hatte. Behalten und kenntlich machen statt abreißen: An dieser Entscheidung hängt alles Weitere.
Im selben Jahr 1949 bekam auch das Amt, das Meininger 1931 erfunden hatte, seine endgültige Form. Bis dahin hatte die Pfälzische Weinkönigin den deutschen Wein gewissermaßen nebenbei mitvertreten, weil es sonst keine gab; nun wurde Elisabeth Kuhn aus Diedesfeld als Erste ausdrücklich zur Deutschen Weinkönigin bestimmt. Gewählt wird sie bis heute beim Deutschen Weinlesefest in Neustadt, und sie reist ein Jahr lang für den deutschen Wein durch die Welt – aus einer Idee für ein Dorffest ist ein Exportbotschafteramt geworden.
In Rhodt merkte man den Aufschwung an einem Bauwerk. 1954 wurde die Rietburgbahn gebaut, die erste Sesselbahn der Pfalz, die seither von der Villa Ludwigshöhe in etwa zehn Minuten zur Burgruine hinauffährt. Sie ist ein Kind dieser Jahre, und sie erklärt ganz nebenbei, wozu eine Ferienstraße überhaupt gut ist: Eine Straße bringt nur dann etwas, wenn die Leute anhalten. Also brauchte es entlang der Strecke Gründe zum Anhalten – und der Weg von der Straße hinauf zur Ruine über Rhodt ist genau so ein Grund.
Die stillste Wirkung kam 1978. Bei der rheinland-pfälzischen Gebietsreform waren neun Jahre zuvor die alten Landkreise Landau und Bergzabern zusammengelegt worden, zum „Landkreis Landau-Bad Bergzabern“ – ein Name, der niemandem etwas sagte und für den außerhalb der Pfalz niemand eine Vorstellung hatte. Am 1. Januar 1978 benannte man ihn deshalb nach der Straße: Landkreis Südliche Weinstraße. Damit hat eine Werbeidee dem Land ihren Namen gegeben. Wer heute einen Brief nach Rhodt schickt, schreibt eine Route von 1935 auf den Umschlag, ohne es zu bemerken. Im selben Jahr erwarb die Winzergenossenschaft Deutsches Weintor den Westflügel und die Kellergewölbe des Tores.
Blieb das Tor im Norden, das 1935 mitgeplant und dann liegengeblieben war. Es kam sechzig Jahre später und mit Absicht anders: 1995 entstand in Bockenheim das Haus der Deutschen Weinstraße. Es überspannt die Fahrbahn wie das Weintor, aber es tut es leicht – ein Gebäude auf Stützen, in dem gewirtet wird, kein Monument. Diese Zurückhaltung ist gewollt, und man versteht sie sofort, wenn man beide Enden der Straße nacheinander gesehen hat. Das eine Tor wurde gebaut, um einem Nachbarland etwas zu zeigen; das andere, damit man darin sitzen kann.

Seit 1995
Fünfundachtzig Kilometer vor der Haustür
Eine Ferienstraße ist keine Straße im Sinne des Straßenrechts, sondern eine Route, die über vorhandene Straßen ausgeschildert wird; über hundert davon gibt es heute in Deutschland, und die Deutsche Weinstraße ist die älteste. Markiert wird sie durch ein gelbes Schild, auf dem zwischen den Wörtern „Deutsche“ und „Weinstraße“ eine stilisierte Traube aus zehn Beeren sitzt. Die Straßenverkehrs-Ordnung führt sie in ihrer Anlage 3 als Beispiel für das Zeichen „Touristische Route“ – von allen Ferienstraßen des Landes ist ausgerechnet diese der Musterfall im Gesetzblatt geworden. Und ihre Mitte hat eine Anschrift: Weinstraße 612 in Neustadt-Diedesfeld.
Neben der Fahrbahn sind im Lauf der Jahre die anderen Wege entstanden, denn die Straße ist längst nicht mehr nur für Autofahrer gedacht. Der Radweg Deutsche Weinstraße misst fünfundneunzig Kilometer, dazu kommen fünfunddreißig Kilometer Panoramarouten, die seitlich gelegene Orte einbeziehen. Der Pfälzer Weinsteig, im Frühjahr 2011 eröffnet, ist mit hundertsiebzig Kilometern und elf Tagesetappen der längste Premiumwanderweg der Pfalz; er wechselt beständig zwischen den Weinbergen und dem Waldrand darüber. Und seit 1998 wird jedes zweite Frühjahr der Marathon Deutsche Weinstraße gelaufen.
Eine Einrichtung allerdings fehlt seit einigen Jahren, und sie war die schönste. Von 1985 bis 2019 wurde am letzten Sonntag im August der Erlebnistag Deutsche Weinstraße begangen: acht Stunden lang keine Autos auf der ganzen Strecke, dafür Straußwirtschaften der Vereine und Weingüter am Rand – so heißt das Recht des Winzers, seinen eigenen Wein auszuschenken, vier Monate im Jahr, kenntlich am ausgehängten Strauß, ein Vorrecht, das man bis in karolingische Zeit zurückführt. Bei gutem Wetter kamen bis zu dreihunderttausend Radfahrer. Nach der Pandemie kam der Tag nicht wieder; 2022 wurde das Ende beschlossen, weil sich das vorgeschriebene Sicherheitskonzept über fünfundachtzig Kilometer nicht von allen Gemeinden tragen ließ. Es ist ein banaler Grund für das Ende einer schönen Sache, und vielleicht findet sich eines Tages eine kleinere Form dafür.
Vom Gartentor des Rhodter Schlössels sind es ein paar Minuten bis zu dieser Straße. Wer sich nach links wendet, steht in einer knappen Stunde vor dem Sandsteintor in Schweigen; wer nach rechts fährt, kommt in Bockenheim heraus, wo Rheinhessen anfängt. Dazwischen liegen hundertdreißig Dörfer, die alle davon leben, dass 1934 zu viel Wein gewachsen ist. Man kann das für eine kleine Geschichte halten – eine Straße, die keine ist, benannt in einem schlimmen Jahrzehnt, verkauft mit einer Traube aus zehn Beeren. Aber es ist auch der seltene Fall, dass eine Landschaft sich selbst erklärt hat und damit durchgekommen ist. Wer aus dem Schlossgarten tritt und über die Weinstraße geht, überquert das Ergebnis.
Kurz notiert
- „Goldene Weinstraße“ bereits 1914 im „Handbuch der Geographie“ des Seydlitz-Atlas
- 15. Mai 1932 Vorschlag von Friedrich von Bassermann-Jordan und Daniel Meininger in „Die Pfalz am Rhein“
- 1934 Rekordernte, zweieinhalbfach über dem Durchschnitt – Preissturz und Absatzkrise
- 19. Oktober 1935 Eröffnungsakt in Bad Dürkheim, 20. Oktober Eröffnungsfahrt mit rund 300 Wagen
- 1936 Bau des Deutschen Weintors in Schweigen – 19,2 Meter, Architekten Peter und Mittel aus Landau
- Alle Ortsdurchfahrten in „Weinstraße“ umbenannt, Zusatz „an der Weinstraße“ statt „an der Haardt“
- 1949 Kauf des Weintors durch den Landkreis Bergzabern; erste Deutsche Weinkönigin in Neustadt
- 1. Januar 1978 Umbenennung des Landkreises in „Südliche Weinstraße“
- 1995 Haus der Deutschen Weinstraße in Bockenheim als nördliches Tor
- Heute 85 Kilometer, rund 130 Weinorte, Radweg von 95 Kilometern, Weinsteig von 170 Kilometern