1780 – 1812
Ein Sommerschloss für einen Pariser Großkaufmann
Ein Herrenhaus im französischen Zuschnitt, gebaut für die schöne Jahreszeit – von einem Mann, der in Paris zu Hause war und den Sommer in Rhodt verbrachte.
Das Rhodter Schlössel entstand um 1780 als Sommerschloss für Jean Michel Soehnée – einen aus Rhodt stammenden Bankier und Zensor der Banque de France, der im Handelshaus Pourtalès in Neuchâtel aufstieg, in Paris zu Vermögen kam und sich in seiner Heimat Rhodt unter Rietburg den Traum eines eigenen Sommerschlössels erfüllte.
Der Weg dorthin führte weit weg von der Weinstraße. Geboren wurde er 1741, im Pfarrhaus unter der Rietburg. Als junger Mann ging er in die Schweiz, zu Pourtalès in Neuchâtel – ein Haus, das mit halb Europa handelte, mit bedruckten Baumwollstoffen aus Indien, mit Kolonialwaren, mit allem, was Geld brachte. Dort arbeitete er sich bis zum Bevollmächtigten hinauf. Von Neuchâtel führte die Straße weiter nach Paris, an die Rue de Richelieu, wo die Familie ihr eigenes Kontor unterhielt: „Soehnée l'aîné & Cie“, gegründet 1797, mit Textilfabriken im Elsass und dem Sitz in der Hauptstadt.
Und dann, im Winter 1800, kam ein Brief, mit dem ein Kaufmann aus dem pfälzischen Rhodt kaum gerechnet haben dürfte.
Napoleon Bonaparte hatte wenige Wochen zuvor die Banque de France gegründet – eine jener Institutionen, mit denen er ein Land ordnen wollte, das ein Jahrzehnt Revolution hinter sich hatte. Fünfzehn Regenten sollten sie führen, drei Zensoren die Bücher überwachen. Zur ersten Generalversammlung am 13. Februar 1800 erschien der Erste Konsul persönlich, dazu seine Mutter, die Beauharnais und Murat. Wer ein solches Amt annahm, musste nachweisen, dass er mindestens dreißig Aktien der Bank besaß.
Soehnée wurde einer dieser drei Zensoren – der erste Inhaber seines Sitzes überhaupt, neben Guillaume Sabatier und Bernard Journu-Auber. Acht Jahre lang blieb er im Amt, in einer Stadt, in der über Krieg und Frieden Europas entschieden wurde.
Als ihn diese Berufung erreichte, stand sein Sommerschloss in Rhodt bereits zwanzig Jahre. Den Traum hatte er sich lange vorher erfüllt, und zwar dort, wo er hergekommen war: in dem Dorf unter der Rietburg, in dem sein Vater auf der Kanzel gestanden hatte. Wer es weit bringt, baut irgendwann dorthin zurück, wo er angefangen hat.
Man sieht dem Haus an, aus welcher Welt es kommt. Eine Dreiflügelanlage unter Walmdächern, streng in den Achsen, ohne barocken Aufwand – französisch im Zuschnitt, nicht pfälzisch. Als Architekt wird François Xavier Gavillet genannt, ein Ingenieur- und Festungsbaumeister aus der Region. Das erklärt die Genauigkeit der Symmetrie und die Ruhe, die von dem Ensemble ausgeht: Wer aus dem Festungsbau kommt, zeichnet keine verspielten Fassaden. Er zeichnet Achsen, die halten.
Und er zeichnet für die Aussicht. Über dem Ort steht seit dem frühen 13. Jahrhundert die Rietburg, auf einem Ausläufer des Blättersbergs, gut fünfhundert Meter hoch – die zweithöchst gelegene Burg der Pfalz. Wer im Schlossgarten steht, hat sie im Rücken und die Rheinebene vor sich, an klaren Tagen bis zum Schwarzwald. Dieser Blick war schon 1780 ein Argument.
1807 verkaufte Soehnée das Anwesen an Ludwig Weber, einen Großkaufmann aus Godramstein. Fünf Jahre später, am 3. September 1812, wechselte es für 20.000 Francs erneut den Besitzer. Der Käufer war ein Mann aus Landau, der mit Wein bis dahin wenig zu tun hatte – und unter dem die Geschichte dieses Hauses zu einem Kapitel des europäischen Weinbaus werden sollte.

Das Anwesen
Das Haus, der Hof und der Garten
Ein Haus, das arbeitet: vorn die Schauseite zum Ort, hinten die Terrasse zum Garten, darunter der Wein.
Ein Landhaus mit Aussicht wäre leichter zu bauen gewesen. Aber unter dem Hauptbau liegt ein großer Weinkeller, und der verrät, worum es hier von Anfang an ging. Dieses Anwesen war ein arbeitendes Weingut. Wer hier baute, baute für die Lese.
Die Anordnung folgt dieser Doppelnatur bis heute. Der Herrschaftsteil sieht zum Ort, der Wirtschaftsteil liegt dahinter, und beide teilen sich denselben Hof – im Herbst dieselben Wege für die Gäste und für die Bütten.
Zum Ensemble gehören die Orangerie mit ihrem Gewölbekeller, ein Gartenhaus, die Stallungen im Ostflügel und das Kelterhaus. Dort stand lange eine hölzerne Spindelkelter, eine von jenen schweren Baumkeltern, für die man mehrere Männer und einen halben Tag brauchte, um sie herunterzudrehen. An der Wand des Kelterhauses hat der Maler Klaus Bergmann einen Bacchus hinterlassen: der Weingott, gemalt an genau der Stelle, an der tatsächlich Wein gemacht wurde.
Der Westflügel kam ein Jahrhundert später hinzu. 1882 ließ ihn Clemens Grohé als Kellerei errichten, mit Platz für rund siebzig Fuder. Im Haus heißt er seither nur „die Marie“. Warum, weiß niemand mehr genau – und das gehört inzwischen zu ihm.
Der Garten liegt nach Süden, die Terrasse davor. Von hier führt der Blick über die Rebzeilen in die Ebene. Nach der Instandsetzung wurde er nach alten Vorlagen neu angelegt, mit Rosen an den Enden der Rebzeilen – eine Winzergewohnheit, die einmal handfesten Sinn hatte: Die Rose zeigt den Mehltau ein paar Tage früher an als die Rebe. Was heute wie Zierde aussieht, war einmal ein Frühwarnsystem.
Im großen Salon im Erdgeschoss hängt das Wappen Grohé-Ligniez mit dem Pfälzer Löwen, in Holz eingelegt. Es ist das einzige Wappen im Haus, das an eine seiner Familien erinnert. Sieben haben hier gewohnt – eine hat ihr Zeichen hinterlassen.
Kurz notiert
- Dreiflügelanlage mit Walmdach, um 1780
- Großer Weinkeller unter dem Hauptbau
- Terrasse und Garten auf der Südseite, Blick in die Rheinebene
- Orangerie mit Gewölbekeller, Kelterhaus, Stallungen
- Westflügel „Marie“, 1882 als Kellerei ergänzt
- Seit dem 26. August 1980 unter Denkmalschutz
1812 – 1881
Wo der Draht in den Weinberg kam
Wer heute durch einen Weinberg geht, geht zwischen Drahtrahmen hindurch. Dass das so ist, hat mit dem Hang vor diesem Haus zu tun.
Karl Heinrich Schattenmann, am 31. Dezember 1785 in Landau geboren, kaufte das Schlössel 1812. Winzer war er nicht – und das ist der Schlüssel zu allem, was folgte.
Er leitete die Minen von Buchsweiler im Elsass. Von 1814 bis 1818 war er Bürgermeister von Landau, er saß im Generalrat des Niederrheins und im französischen Generalackerbaurat, präsidierte der Ackerbaukomizie des Bezirks Zabern und trug das Kreuz der Ehrenlegion. Ein Mann der Verwaltung also, des Bergbaus, der Zahlen. Einer, der gewohnt war zu fragen, was etwas kostet und ob es sich auch anders machen ließe. Rhodt war sein Sommersitz – und sein Versuchsfeld.
Um zu begreifen, was er dort tat, muss man sich einen pfälzischen Weinberg jener Zeit vorstellen. Die Rebe stand im Kammertbau: ein Holzgerüst von etwa achtzig Zentimetern Höhe, aus Längs- und Querlatten zu Kammern verbunden, gut einen Meter im Stützenabstand, achtzig Zentimeter Gassenbreite. Der Name kommt vom lateinischen „vinea camerata“, vom Wölben – von oben sah ein solcher Wingert aus wie ein flaches Gewölbe aus Holz und Laub, ein grünes Dach über dem Hang.
Diese Bauweise ist in der Pfalz schon im frühen Mittelalter bezeugt und reicht möglicherweise bis in die Spätantike zurück. Eine Ansicht von Landau aus dem Jahr 1547 zeigt sie in aller Deutlichkeit – ausgerechnet Landau, jene Stadt, deren Bürgermeister Schattenmann werden sollte.
Schön anzusehen war das. Bezahlt wurde es an drei Stellen. Das Gerüst verschlang Holz, das jedes Jahr ersetzt werden musste. Der Winzer arbeitete gebückt oder kniend darunter, von der Blüte bis zur Lese. Und die Kammern nahmen den Trauben Licht und Luft – was in feuchten Jahren hieß, dass die Fäulnis blieb, wo sie einmal saß.
1863 stellte Schattenmann seine Rhodter Weinberge um. Reihen statt Kammern, die Stöcke in Linie, dazu eine Unterstützung aus Eisen und Eisendraht. Und er tat, was ein Minendirektor eben tut: Er rechnete nach und legte offen, dass die neue Anlage weniger kostete als die alte. Nicht Schönheit war sein Argument, nicht Fortschritt – sondern die Zahl darunter. Damit endete ein System, das tausend Jahre lang als selbstverständlich gegolten hatte.
Was danach geschah, glich einer Wallfahrt. Im selben Jahr kamen die Fachleute nach Rhodt: der landwirtschaftliche Verein der Pfalz unter Führung des Regierungspräsidenten, die großherzoglich-badische Zentralstelle für die Landwirtschaft, Staatsrat Imhof aus der Schweiz, die Ackerbau-Comizien von Ober- und Niederrhein. Und Dr. Jules Guyot, im Auftrag der französischen Regierung.
Guyot war Arzt und Agronom – und er war gerade unterwegs in der größten Bestandsaufnahme, die der französische Weinbau je erlebt hat. Napoleon III. hatte ihn 1860 beauftragt, den Zustand der Weinberge des Landes zu erheben. Sieben Jahre lang bereiste er rund siebzig Departements und hielt fest, wie man die Rebe von Gegend zu Gegend erzog; sein Werk, die „Étude des vignobles de France“, sollte den Weinbau aus der Gewohnheit in die Methode führen. Bis heute trägt eine der verbreitetsten Schnittarten der Welt seinen Namen.
Dieser Mann stand 1863 am Hang vor dem Rhodter Schlössel und sah sich an, was ein Minendirektor aus Landau dort gepflanzt hatte. Man wüsste gern, was gesprochen wurde.
Schattenmanns „Denkschrift über den Weinbau in den Departementen des Ober- und Niederrheins und in Rheinbayern“ erschien 1863 in zwei Sprachen. Ein Jahr später musste sie neu aufgelegt werden – so groß war der Widerhall.
Verbessern war überhaupt seine Art, in der Welt zu sein. Justus Liebig nennt ihn 1859 in den „Chemischen Briefen“ und schreibt ihm zu, dass seit 1841 die Steinaufschüttung der Straßen mit der Druckwalze verdichtet werde – eine Methode, die ganz Frankreich übernahm. Eine Schrift über die Anlage von Jauchegruben wurde 1846 preisgekrönt, eine über den Tabakbau 1862 der Akademie in Straßburg überreicht. Der Eisenbahnbau lag ihm am Herzen, der Saarkanal ebenso. Wo andere Zustände sahen, sah er Aufgaben.
Am 15. Mai 1869 starb er kinderlos in Buchsweiler. Der Kirche und der Pfarrei in Rhodt vermachte er je 4.000 Franc; im Ehrenhof des dortigen Gymnasiums steht ihm ein Denkmal, und in der Straßburger Landesbibliothek liegen über zwei Dutzend Schriften unter seinem Namen. Sein Neffe Franz Otto Schattenmann erbte den Besitz, vergrößerte ihn noch und trennte sich am 9. August 1881 davon.


Die Rebsorte
Der Rhodter Traminer
Schattenmann hat nicht nur verändert, wie die Rebe steht. Er hat auch entschieden, wofür Rhodt bekannt sein sollte.
Der Ort war dafür bereit. Rhodt lebt seit dem Mittelalter vom Traminer; 1603 kaufte Markgraf Ernst Friedrich von Baden das Dorf, und bis 1801 machte der Weinhandel es wohlhabend – badisch regiert, mitten in der Pfalz, und reich geworden mit einer einzigen Rebsorte.
Diese Sorte ist ein Sonderfall. Der Traminer gehört zu den ältesten Kulturreben überhaupt; genetisch steht er der wilden Weinrebe ungewöhnlich nah, und er ist Elternteil einer ganzen Reihe von Sorten, unter ihnen Silvaner und Riesling. Sein Name führt nach Tramin in Südtirol, wo Weine dieses Namens seit dem Jahr 1000 in Urkunden auftauchen.
Er trägt wenig. Er reift spät. Er ist heikel. Und wenn er gelingt, riecht er nach Rose und Litschi, so unverwechselbar, dass man ihn blind erkennt. Eine Sorte für Leute, die etwas riskieren.
Wie lange man hier bereit war, dieses Risiko einzugehen, zeigt ein Stück Land am östlichen Ortsrand, Richtung Edesheim. Dort steht der Rhodter Rosengarten: knapp vierhundert Jahre alte Traminerstöcke auf rund sechshundert Quadratmetern, knorrig, niedrig – und immer noch im Ertrag. Der mündlichen Überlieferung nach war er schon vor dem Dreißigjährigen Krieg da.
Das eigentlich Erstaunliche liegt unter der Erde. Diese Reben sind wurzelecht. Als die Reblaus ab dem späten 19. Jahrhundert die Weinberge Europas vernichtete und man von Portugal bis Ungarn alles auf amerikanische Unterlagen pfropfen musste, überstand dieser eine Flecken die Katastrophe. Er wächst heute auf denselben Wurzeln wie vor vierhundert Jahren. 2010 hat ihn das Deutsche Weininstitut zu einem der vier „Höhepunkte der Weinkultur“ in der Pfalz erklärt.
In dieses Umfeld hinein setzte Schattenmann seine Entscheidung. Am 1. Januar 1858 legte er ein Weinlagerbuch an. Es ist erhalten, und es verzeichnet die Jahrgänge 1853, 1855, 1857, 1858 und 1862 – durchweg Rhodter Traminer. Wer über Jahre hinweg dieselbe Sorte einkellert, hat sich entschieden.
Nach außen ging er damit früh und selbstbewusst. Auf dem Weinbaukongress in Dürkheim 1844 stellte er seine Rebbefestigung aus und schenkte einen 1843er Rhodter Traminer ein – Technik und Ergebnis am selben Stand. Ein Jahr später, im Oktober 1845 in Freiburg, notierten die Prüfer über den 1842er: „ein hübscher feingäriger Wein“. Und 1855 stand er mit zwei Ständen auf der Pariser Weltausstellung. Der Wein eines Dorfes von wenigen hundert Seelen, mitten in der Auslage der Welt.
Wie groß der Betrieb inzwischen war, verrät eine Versteigerung: Am 29. Oktober 1863 kamen siebzehn verschiedene Weine mit zusammen 54.760 Litern unter den Hammer. Sechs Jahre später, nach seinem Tod, wurden noch einmal 87.500 Liter aufgerufen.
Der schönste Beleg für seine Wirkung steht aber in keiner Bilanz. 1869 schrieb der Rhodter Pfarrer Runck in die Ortschronik, Schattenmann habe „mehrere Pfarrwingerte jung machen, düngen und drahten“ lassen. Ein unscheinbarer Satz, und er sagt alles: Was im Schlossgarten begann, stand kurz darauf in den Weinbergen der Nachbarn.

1881 – 1950
Ein BASF-Mitbegründer als Schlossherr
Auf den Reformer folgt der Industrielle – und mit ihm zieht das 19. Jahrhundert in seiner ganzen Wucht in Rhodt ein.
Käufer war 1881 Christian Wilhelm Clemens Grohé (1829–1900), Großkaufmann in Ludwigshafen. Er übernahm alles in einem Zug: den Besitz in Rhodt und Edenkoben, das Weingut, die Keller, das Inventar. Ein Fremder war er dabei nicht – der Stamm der Grohé lässt sich in Rhodt bis 1614 zurückverfolgen, als ein Nikolaus Grohe hier einheiratete. Nach zweieinhalb Jahrhunderten kam die Familie als Käuferin des Schlössels zurück.
Inzwischen hatte sie anderswo Geschichte geschrieben. Grohé gehört zu den Männern, die am 21. April 1865 die Konzession für die Errichtung einer chemischen Fabrik in Ludwigshafen erwirkten. Gut zwei Wochen später, am 8. Mai 1865, wurde in Mannheim die Badische Anilin- und Sodafabrik gegründet – jenes Unternehmen, das die Farben der Welt verändern und die ganze Region prägen sollte. Er saß im Ludwigshafener Stadtrat, vertrat seinen Wahlkreis von 1875 bis 1887 in der bayerischen Kammer und stritt für den Hafenbau.
Ein Mann also, dem die neue Zeit gehörte. In Rhodt investierte er entsprechend. 1882 entstand der Westflügel als Kellerei – die „Marie“, mit Platz für rund siebzig Fuder. Und 1889 stellte er ein achtzehn Meter hohes Windrad auf, das dem Haus das Wasser hob.
Man muss sich das vor Augen halten: fließendes Wasser in einem pfälzischen Weindorf, angetrieben vom Wind, ein Stahlgerüst über den Dächern. Das war 1889 kein Komfort. Das war eine Ansage.
Beim Wein aber setzte er fort, wo Schattenmann aufgehört hatte. Der Traminer blieb die Visitenkarte des Guts, die Rhodter Lagen behielten ihren Namen. Grohé starb am 7. Juni 1900 und wurde zwei Tage später in Rhodt begraben – nicht in Ludwigshafen, wo er sein Vermögen gemacht hatte. Wer sich entscheidet, wo er liegen will, hat sich entschieden, wo er zu Hause war.
Ihm folgte sein Schwiegersohn, Oberstleutnant Ligniez, und mit ihm blieb das Anwesen bis 1950 in der Familie. Aus diesen Jahren stammt das Doppelwappen im großen Salon: der Pfälzer Löwe, der ein Schild mit den verschlungenen Initialen beider Häuser hält. Es hängt bis heute dort, und es ist das Einzige, was von siebzig Jahren Grohé und Ligniez im Haus geblieben ist.

1950 – 1989
Wein, Kunst und ein offenes Haus
Vierzig Jahre lang war das Schlössel ein Ort, an dem man ein Glas trinken und dabei Bilder ansehen konnte. Beides beim selben Mann.
Dr. Wilhelm Jakob Steigelmann, am 22. April 1901 in Rhodt geboren, kaufte das Anwesen 1950 für 50.000 Mark. Seine Familie baute hier seit 1660 Wein an, eingewandert aus dem Elsass; er selbst war Jurist, Winzer, Sammler und Schriftsteller in einer Person. Und sein Großvater mütterlicherseits war jener Pfarrer Runck, der 1889 die Geschichte des Ortes veröffentlicht hatte. In dieser Familie laufen die Chronik des Dorfes und die des Hauses zusammen.
Steigelmann machte aus dem Schlössel einen Gutsausschank. Wer wollte, trat ein, bekam sein Glas – und stand dabei zwischen Gemälden. Ein Zeitgenosse nannte das Haus sein „pfälzisches Tusculum“, in dem ein Tempel der Kunst stehe. Tusculum, das war der Landsitz Ciceros, der Ort, an den sich ein gebildeter Mann zurückzieht, um zu denken. Seine Sammlung galt als die größte in privater Hand in der Pfalz.
Ihr Kern war eine Freundschaft, und sie begann in einem denkbar ungünstigen Moment.
Hans Purrmann, 1880 in Speyer als Sohn eines Maler- und Tünchermeisters geboren, war 1905 nach Paris gegangen. Dort traf er Henri Matisse und gehörte bald zum Kreis der deutschen Maler im Café du Dôme – einer der wenigen, die die französische Moderne von innen kannten. 1937 verfemte man ihn in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Im selben Jahr wurden sechsunddreißig seiner Gemälde aus deutschen Museen entfernt, unter anderem in Kaiserslautern, keine fünfzig Kilometer von Rhodt.
Zwei Jahre danach, im November 1939, begann Steigelmanns Briefwechsel mit ihm. Und im Mai 1941 zeigte er in Landau eine Ausstellung mit neun Purrmann-Bildern – Werke eines Malers, den man aus den Museen des Landes gerade erst entfernt hatte. Das war kein Ausstellungsbetrieb. Das war ein Risiko, und er ging es ein, während Purrmann selbst längst in Florenz saß, wohin er sich 1935 zurückgezogen hatte.
Er sammelte nicht nur, er schrieb auch: „Der Maler Hans Purrmann“ (1950), „Im Zeichen des Sesels“ über das Traminerdorf Rhodt (1964) und „Purrmann und die Pfalz“ (1968). Der Sesel im Titel ist weder Zufall noch Zierde – er ist das gebogene Rebmesser der Pfälzer Winzer, das Werkzeug, mit dem hier seit Jahrhunderten geschnitten wird, und er steht bis heute im Wappen der Verbandsgemeinde. Auch Steigelmanns Weine trugen ein eigenes Zeichen: „Dr. Steigelmann's Weinspinne“, Schloßgut Dr. Steigelmann, Rhodt unter Rietburg.
Er sammelte in einer Landschaft, die dafür gemacht war. Wenige Kilometer weiter, auf Neukastel bei Leinsweiler, hatte Max Slevogt ab 1914 seine Sommer verbracht und dieselbe Rheinebene gemalt, auf die man vom Schlossgarten schaut. Heute hängen Slevogts Bilder oben in der Villa Ludwigshöhe, in Sichtweite. Auch er stand in Steigelmanns Sammlung, neben Corinth, Weisgerber, Croissant, Bergmann und Serr.
1971 erhielt Steigelmann das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1984 den Titel Justizrat, 1986 das Ehrenbürgerrecht seiner Gemeinde. Im selben Jahr starb er.
Zwei Jahre darauf, im November und Dezember 1988, wurde die Sammlung bei Henry's in Mutterstadt versteigert: 2.233 Positionen, darunter Blätter von Corinth, Kollwitz, Barlach, Slevogt, Dürer und Chagall. Was ein Leben lang zusammengetragen worden war, ging an vier Tagen auseinander. Ein Jahr später stand das Haus zum Verkauf.

Die Wittelsbacher in Rhodt
Königlicher Besuch
Rhodt liegt unterhalb der Villa Ludwigshöhe. Das hat den Ort für gut hundert Jahre in die Nähe des bayerischen Hofes gerückt.
Nach dem Wiener Kongress fiel die Pfalz an Bayern, und ab 1829 kam König Ludwig I. regelmäßig hierher. Was er sich oberhalb von Rhodt bauen ließ, beschrieb er mit einem Satz, der ebenso gut über dem Schlössel stehen könnte: „eine Villa italienischer Art, nur für die schöne Jahreszeit bestimmt und in des Königreichs mildestem Teil“.
Friedrich von Gärtner, sein Hofarchitekt, entwarf sie. Als Gärtner 1847 starb und der Bau ins Stocken geriet, führte Leo von Klenze ihn 1852 zu Ende. Im Juli desselben Jahres kam der inzwischen abgedankte König zum ersten Mal für sechs Wochen – und danach bis zu seinem Tod 1868 jeden zweiten Sommer.
Damit standen zu dieser Zeit zwei Sommerhäuser keine zwei Kilometer voneinander entfernt am selben Hang: eines für einen abgedankten König, eines für einen Weinbaureformer. Beide nur für die schöne Jahreszeit bestimmt, beide mit demselben Blick über die Ebene.
Seine Frau, Königin Therese, war protestantisch und blieb es ihr Leben lang. Während der König in Edenkoben zur Messe ging, stieg sie nach Rhodt hinunter, in die evangelische Kirche. Dort stand für sie ein Sessel mit einem silberbestickten „T“ unter der Krone, dazu sechs blaudamastene Stühle für ihr Gefolge. Der Presbyterstuhl heißt seither die Königinloge.
Das Dorf hatte sich vorbereitet. Schon im April 1848, vier Jahre vor ihrem ersten Sommer auf der Ludwigshöhe, pflanzte die Gemeinde Kastanien an dem Weg, der später ihr Kirchweg werden sollte; die Straße trägt bis heute ihren Namen. Im Ort stiftete sie einen Kindergarten. 1854 kam sie ein letztes Mal, zusammen mit ihrer Tochter Prinzessin Mathilde – am 26. Oktober desselben Jahres starb sie in München an der Cholera. Ihr Name steht bis heute über der größten Wiese Bayerns.
Wie lang das Gedächtnis eines Hauses sein kann, zeigte sich 2002. Am 31. Juli jenes Jahres gab Herzog Franz von Bayern 2.500 Euro für die Restaurierung des Sessels und des Gestühls in der Loge – hundertachtundvierzig Jahre nach dem letzten Besuch seiner Vorfahrin.
Der Besuch, der dieses Haus betrifft, kam später und von einem Mann, dessen Leben ein ganzes Zeitalter umspannt. Kronprinz Rupprecht von Bayern (1869–1955) war der letzte Thronfolger des Königreichs. Im Ersten Weltkrieg befehligte er als Generalfeldmarschall eine nach ihm benannte Heeresgruppe an der Westfront; nach 1918 wurde er zu einem entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus und bemühte sich bis zu seinem Tod um die Wiederherstellung der Monarchie.
1951 stattete er dem Rhodter Weinschlössel einen Besuch ab. 1953 war er zum letzten Mal auf Schloss Ludwigshöhe; zwei Jahre später starb er. Es ist der letzte belegte Besuch eines Wittelsbachers in Rhodt – das Ende einer Verbindung, die mit Ludwig I. begonnen hatte.
Über hundert Jahre hinweg hat es das Königshaus immer wieder hierher gezogen, und die Nachbarschaft zur Ludwigshöhe erklärt davon nur einen Teil. Man darf vermuten, dass auch die Weine ihren Anteil hatten – und der Rahmen, in dem sie ausgeschenkt wurden.
Die Villa selbst kam 1975 an das Land Rheinland-Pfalz und beherbergt seit 1980 die Max-Slevogt-Galerie; die Bilder, die Steigelmann sammelte, hängen heute also gewissermaßen über dem Dorf. Und wer nach Edenkoben fährt, sieht die Epoche noch am Bahnhof: Er wurde im Stil der Villa Ludwigshöhe gebaut, zum Besuch Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1917.

1989 – 2010
Gisela und Dietrich Gerlinger
1989 stand das Schlössel leer und stand kaum noch. Was danach kam, war keine Renovierung, sondern eine Rettung.
Gisela Gerlinger (1938–2013) und Dietrich Gerlinger (1936–2000) kauften das Anwesen aus dem Nachlass von Dr. Steigelmann für 700.000 Mark. Sie wussten, worauf sie sich einließen: Seit 1971 gehörte ihnen Schloss Lierheim, das sie aus einem ähnlich schlechten Zustand herausgeholt hatten. Ein zweites Mal freiwillig anzutreten, tut niemand aus Unkenntnis.
Der Befund war trotzdem ernüchternd. Die Böden zerstört, Fenster und Dach undicht, der Regen stand im Haus. In ganzen Räumen fehlten Putz und Stuckaturen, die Sandsteingesimse waren nicht mehr zu retten, der Garten war verwildert. Nach dem Tod des Sammlers war das Haus zudem geplündert worden. Zwei Jahrzehnte ohne Investition legten ihre Rechnung vor.
Was folgte, zog sich über Jahre und begann unter dem Putz. Eine Zentralheizung kam ins Haus, die Elektroinstallation wurde erneuert, die Wasserleitungen ausgewechselt, neue Bäder eingebaut. Fenster wurden repariert oder ersetzt, Türen erneuert. Über Monate arbeiteten Stuckateure im Schlössel und zogen Putz und fehlende Stuckaturen nach – ein Handwerk, das man nicht bestellen kann wie eine Ware, sondern für das man Leute finden muss, die es noch können.
Zuletzt kamen die Dächer: das des Hauses und das der „Marie“, dazu Rinnen und Fallrohre. Der Außenputz wurde überarbeitet, das Haus neu gestrichen, Hof und Gartenterrasse neu gepflastert, die Orangerie saniert und der Garten nach alten Vorlagen wieder angelegt.
Vieles davon ging durch die Hände des Sohnes. Richard Gerlinger ist Schreinermeister mit eigenem Betrieb in Kirrweiler, ein paar Kilometer weiter. Was aus Holz war, machte er selbst – er hat in diesen Jahren im Schlössel gearbeitet und darin gewohnt.
„Fürwahr eine gewaltige Arbeit und eine große Summe Geldes, die aufgebracht werden mussten, um das Schlössel wieder bewohnbar zu machen, was in der Tat trefflich gelungen ist.“
Genutzt wurde das Haus, wie es der Erbauer gedacht hatte: als Sommerschloss. Wer im Winter blieb, machte sich ein Lager vor dem Kamin. 2008 feierte Gisela Gerlinger hier ihren siebzigsten Geburtstag.
Dietrich Gerlinger starb im Mai 2000, unerwartet, mitten in der Arbeit. Seine Frau führte sie weiter, gemeinsam mit ihrem Sohn Richard. 2010 gaben sie das Haus ab.
Ohne diese Übernahme wäre das Schlössel aller Wahrscheinlichkeit nach verloren gewesen. Ein Haus, in das der Regen läuft und dem die Gesimse abfallen, übersteht keine zwei Jahrzehnte mehr – und mit ihm wäre verschwunden, was an diesem Ort hängt: der Weinberg, in dem der erste Draht gespannt wurde, die Räume, in denen Purrmann hing, zweihundert Jahre Pfälzer Geschichte in einem einzigen Anwesen. Dass sich davon heute noch etwas zeigen lässt, ist die Leistung dieser einundzwanzig Jahre.


Die Vorlage

2010 – 2024
Söhngen, Aschhoff – und ein Buch
Vierzehn Jahre, in denen zum ersten Mal jemand aufschrieb, was mit diesem Haus geschehen war.
Am 4. November 2010 zogen Siegfried Söhngen und Dr. Burkhard Aschhoff ein. Steigelmanns Tochter kam zu Besuch und ging durch die Räume ihrer Kindheit. Was sie dort vorfand, war das Ergebnis von einundzwanzig Jahren, in denen Gisela, Dietrich und Richard Gerlinger das Haus Stück für Stück zurückgeholt hatten. Ihr Urteil darüber gehört seither zum Haus:
„Als wir drin wohnten, nein, nein, da war es kein Schloss. Aber jetzt, ja jetzt ist es ein Schloss.“
Der Satz galt nicht denen, die gerade eingezogen waren. Er galt der Familie, die das Haus dorthin gebracht hatte.
Aschhoff tat anschließend, was vor ihm niemand getan hatte: Er ging in die Archive. Vom Urkataster über die Kaufverträge und Schattenmanns Denkschriften bis zu den Kirchenbüchern trug er zusammen, was sich über zweihundertdreißig Jahre finden ließ, und ordnete es nach den Familien, die hier gewohnt hatten. Das Ergebnis erschien 2011 unter dem Titel „Das Weinschlössel in Rhodt unter Rietburg“ und ist bis heute die wichtigste Quelle zu diesem Haus. Auch dieser Text steht in seiner Schuld.
Und nebenbei fiel in diesen Jahren eine Grenze, die zweihundertdreißig Jahre gehalten hatte. Zum ersten Mal seit 1780 war es im Winter in allen Zimmern und Fluren warm. Niemand musste mehr vor dem Kamin schlafen.
Seit 2024
Wieder ein Haus der Familie Gerlinger
Heute gehört das Rhodter Schlössel Richard und Roland Gerlinger mit ihren Familien. Für Richard ist es eine Heimkehr. Er hat ab 1989 als junger Schreiner an diesem Haus gearbeitet und darin gewohnt, hat Böden verlegt, Fenster eingepasst und Türen gebaut, die heute noch in ihren Angeln hängen. Er weiß hinter jeder Tür, was dahintersteckt – und an welcher Stelle vor fünfunddreißig Jahren welcher Balken ausgetauscht wurde.
Nach zweieinhalb Jahrhunderten und sieben Familien hat die unsere hier wieder ihren Platz gefunden, vierzehn Jahre nachdem sie ihn abgegeben hatte. Es kommt selten vor, dass ein Haus zu denen zurückkehrt, die es einmal gerettet haben.
Ein stilles Haus soll es darum nicht werden. Wir führen die Linie weiter, die vor uns gezogen wurde: Schattenmann ließ die Fachleute aus drei Ländern in seinen Weinberg, Grohé baute eine Kellerei für siebzig Fuder, Steigelmann schenkte in seinem Hof jedem aus, der hereinkam. Ein Haus wie dieses war nie dazu gedacht, hinter geschlossenen Toren zu stehen.
Also öffnen wir es wieder – den Garten unter den alten Bäumen, die Terrasse mit dem Blick über die Rebzeilen, die Räume im Erdgeschoss. Wer hier einen Tag verbringt, verbringt ihn an einem Ort, an dem seit 1780 gearbeitet, gefeiert und Wein gemacht wurde: unter demselben Dach, im Blick derselben Burg, über demselben Keller. Ein Denkmal bleibt nur lebendig, solange Menschen darin zusammenkommen.

Aus der Rhodter Weinchronik
Die Jahrgänge
1441 bis heute – was der Herbst brachte und wie ihn die Pfälzer tauften.
Die Rhodter Weinchronik verzeichnet die Jahrgänge seit 1441. Sie ist Wetterbuch, Rechnungsbuch und Weltchronik in einem: Vom 19. Jahrhundert an bekam in der Pfalz fast jeder Jahrgang einen Namen, und die Namen sagen oft mehr über das Jahr als über den Wein. Eine Auswahl der Herbste, die im Ort in Erinnerung geblieben sind:
- 1783
Sehr trockener, heißer Sommer. Der Wein wird mit Honig verglichen, und in Rhodt werden zum ersten Mal Preise für Qualität gezahlt – bis dahin zählte, wie viel im Fass war, nicht was darin war.
- 1811Kometenwein
Der berühmteste Jahrgang des Jahrhunderts, in ganz Europa. Über diesem Herbst stand der Große Komet, den Honoré Flaugergues im März entdeckt hatte und der im Oktober so hell leuchtete, dass man ihn selbst bei Vollmond sah. Der Aberglaube schrieb ihm den Wein zu; in Wahrheit waren es ein trockenes, warmes Frühjahr und ein überlanger, milder Herbst. In Rhodt stieg der Fuderpreis nach sechs Fehljahren auf 700 Gulden. Zwanzig Jahre später ließ Karl Heinrich Schattenmann genau diese Lese als Bild festhalten – das älteste bekannte Weinlesebild der Pfalz und zugleich die älteste Ansicht von Rhodt.
- 1857
„Delikat, der beste in diesem Jahrhundert“, notiert die Chronik. Über achtzig Sommertage mit mehr als 22 Grad, von Anfang Mai bis Oktober fast kein Regen.
- 1865
Viel Wein und sehr gute Qualität, Mostgewichte über 100 Grad – der Jahrgang, mit dem Schattenmanns umgestellte Anlagen ihren Beweis antraten.
- 1892
Halber Herbst, aber gute Qualität. In Rhodt wird das Fuder zu 460 Mark verkauft.
- 1911
Großer Jahrgang, große Hitze im Sommer.
- 1920
Der beste Jahrgang des Jahrhunderts, auch in der Menge – und im selben Jahr Hochwasser an Rhein, Mosel und Nahe, dazu Hunger im Land. Der Wein war da. Das Brot fehlte.
- 1921Jahrhundertwein
Der zweite große Jahrgang in Folge.
- 1934Volltreffer
Vollherbst bei guter Qualität.
- 1937Bomber
Der Springwurm vernichtet 60 bis 100 Prozent der Ernte. Was übrig bleibt, ist Spitzenqualität – ein Jahrgang, der zeigt, dass Menge und Güte zwei verschiedene Dinge sind.
- 1945
Sehr guter Ertrag und gute Qualität – aber nur etwa ein Zehntel des Weins findet den Weg in den Keller. Der Rest ging im Krieg verloren.
- 1947Heringswein
Ertrag und Qualität gut. Den Namen bekam der Jahrgang, weil Heringe gegen Wein getauscht wurden – im Hungerjahr war ein Fass so viel wert wie das, was man dafür zu essen bekam. Im selben Jahr entsteht Rheinland-Pfalz als größtes Weinbauland.
- 1959Jahrhundertwein
Ertrag und Qualität sehr gut, sehr viele Spätlesen. Das Fuder kostet 1.200 bis 1.300 Mark, Spätlesen bis 2.000. Ein Jahr zuvor war in Rhodt die Gebietswinzergenossenschaft „Rietburg“ gegründet worden.
- 1971Sonnenfürst
Ein außergewöhnlicher Jahrgang – und das Jahr des neuen deutschen Weingesetzes, das die Lagen neu ordnete und aus vielen kleinen Namen wenige große machte.
- 1976Sonnenschlucker
Spitzenjahrgang mit feinfruchtiger, reifer Süße.
- 1988Goldregen
Hervorragende Qualität bei marktgerechter Ernte.
- 2000
Voller Herbst mit guten Qualitäten. Viele Trauben bleiben hängen – und hier endet die Chronik.
Namen wie „Graf Zeppelin“ (1929), „Krakeeler“ (1930), „Bundesbruder“ (1949), „Weltraumstürmer“ (1957) oder „Mondbummler“ (1969) zeigen, wie genau die Winzer mitgelesen haben, was um sie herum geschah. Auch die dunklen Jahre haben ihre Namen hinterlassen, und auch die stehen in der Chronik.

Seit 2000
Hier endet die Ortschronik. Was danach kam, steht in den Zahlen des Anbaugebiets Pfalz – und die erzählen von einem Klima, das sich verschoben hat: Die großen Jahrgänge kommen heute aus heißen Sommern, die kleinen Ernten aus Spätfrost und Regen im Frühjahr. Der Traminer, der spät reift und Wärme braucht, gehört zu den Sorten, denen diese Verschiebung entgegenkommt.
- 2003Hitzejahrgang
Ein Sommer ohne Regen, die Lese so früh wie nie zuvor. Mittlere Menge, sehr gute Qualität – und die erste Ahnung davon, was Hitze mit einem Weinberg macht.
- 2007
Der Ausreißer nach oben: 111 Hektoliter je Hektar bei Spitzenqualität. Viel und gut zugleich kommt selten vor.
- 2010
Mit 70 Hektolitern je Hektar die kleinste Ernte seit Jahrzehnten. Die Qualität blieb gut, die Menge fehlte.
- 2015
Trockener, sehr heißer Hochsommer. Sehr gute Qualitäten bei durchschnittlichem Ertrag.
- 2017
Spätfrost im April kostete einen Teil der Ernte. Was blieb, wurde gut.
- 2018Jahrhundertsommer
Hitze und Trockenheit über Monate – und trotzdem die größte Menge dieses Jahrhunderts bei sehr guter Qualität. Der Gegenbeweis zur Regel, dass eines das andere ausschließt.
- 2021
Kühl und nass, ein Jahr für Winzer mit ruhiger Hand. Am Ende sehr gute Qualitäten mit Säure und Frische, wie man sie lange nicht hatte.
- 2022
Wieder ein Dürrejahr. Mittlere Menge, sehr gute Qualität.
- 2024
Eine Welle von Spätfrösten im April, dazu ein nasses Frühjahr und Falscher Mehltau in den Anlagen. Kleine Ernte – aber was gesund in den Keller kam, war herausragend.
- 2025
Rund 30 Prozent unter dem langjährigen Schnitt. Kleine Beeren, hohe Mostgewichte, gute Säure. Um den 23. September war die Lese abgeschlossen, so früh wie selten. Ein Jahrgang mit Struktur und Lagerpotenzial.